Klassisch-Philologisches Seminar der Universität Zürich Fachdidaktik Griechisch

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1 Klassisch-Philologisches Seminar der Universität Zürich Fachdidaktik Griechisch Frühgriechi sche Lyri k Einleitung Ausgewählte Gedichte verschiedener Autoren (Gr und D) Kommentar Interpretationsfragen Silvio Bär, im Februar 2003

2 1 Einleitung 1.1 Fachwissenschaftliches Generelles zum Umgang mit frühgriechischer Lyrik Die Beschäftigung mit den Zeugnissen der frühesten griechischen Lyrik stellt in mancherlei Hinsicht eine Besonderheit dar gerade im Vergleich zur frühen Epik (Homer, Hesiod) und zu den Anfängen der Dramatik (Aischylos). Mehrere Faktoren machen die Lektüre früher griechischer Gedichte ebenso interessant und lohnenswert wie problematisch und aufwändig: Die grossenteils fragmentarische Überlieferung (einzig von Theognis und Pindar sind längere, zusammenhängende Teile eines Gesamtcorpus erhalten) und die damit verbundene Unsicherheit der Texttradierung; sodann die verhältnismässig hohe Anzahl von Autoren (gemäss alexandrinischen Kanones drei Iambographen und neun Meliker) und die damit einhergehende dialektale, stilistische, metrische, gedankliche und thematische Vielfalt der Gedichte; ferner die regional und zeitlich unterschiedlichen bzw. sich verändernden Aufführungsbedingungen und Aufführungskontexte (wir haben es mit einem Zeitraum von grob zweihundert Jahren, von ca. 650 bis ca. 450 v. Chr., zu tun), welche mit unseren Vorstellungen von Lyrik wenig gemein haben. Hinzu kommen Probleme der Terminologie und der Kategorisierung, sowohl was die antiken als auch die modernen diesbezüglichen Anschauungen betrifft. Ein einheitliches Bild von der frühgriechischen Lyrik zu gewinnen, ist also deshalb nicht möglich, weil in kaum irgendeiner Hinsicht Einheit herrscht. Konsequenterweise darf es auch nicht die Absicht des Schulunterrichts sein, ein irgendwie geartetes «einheitliches Bild» vermitteln zu wollen; die Auswahl der zu behandelnden Gedichte muss darum eine subjektive Angelegenheit bleiben (zur Auswahl s. u. 1.2). Funktionalität vs. Ästhetik: Die Lyrik-Forschung und der Streit Rösler Latacz Die Frage nach Funktion und situativer Verortung der frühgriechischen Lyrik ist in der Forschung zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich beurteilt worden und ist nach wie vor Gegenstand heftiger Diskussionen. Die Generation von Bruno Snell sah in den Zeugnissen der frühgriechischen Lyrik das erstmalige Wichtigwerden des Dichters als Dichterpersönlichkeit und, damit verbunden, das Erwachen der Persönlichkeit, der menschlichen Individualität, der individuellen Empfindungsfähigkeit des einzelnen Menschen etc.; literatur- und geistesgeschichtlich wurde die Abfolge Epos Lyrik Drama als klar getrenntes Nacheinander aufgefasst und nachgerade teleologisch gedeutet. (Vgl. dazu paradigmatisch TREU 1955 und SNELL 1975.) Nicht berücksichtigt blieben bei diesem (heute im Wesentlichen als obsolet geltenden) Ansatz sowohl der Umstand, dass die drei genannten literarischen Genera zeitlich sehr wohl ineinander übergreifen (die uns vorliegenden Lyrik-Fragmente weisen in ihrer hochdifferenzierten Ausprägung auf weit zurückreichende Entwicklungslinien und Traditionen; exempli gratia sei auf Alkman [Ende 7. Jh. v. Chr.] verwiesen, dessen virtuoser Umgang mit Sprache und Metrik auf eine zu seiner Zeit bereits hoch entwickelte spartanische Gesangs- und Festkultur deutet) wie auch die Tatsache, dass die Zeugnisse der frühgriechischen Lyrik noch stark in einer mündlichen Tradition stehen und ihre Entstehung und Entwicklung in ganz konkreten, funktionsgebundenen Kontexten (Gesangs- und Festkultur, archaisch-aristokratisches Symposion, panhellenische Spiele, Kulte und Riten etc.) zu suchen ist, dass sie also einen ebenso performativen wie öffentlichen Charakter besitzen. Letztgenannte Punkte sind in der Forschung der vergangenen zwanzig Jahre besonders von Wolfgang Rösler er spricht von einer «Verschmelzung kulturtypologischer, sozialgeschichtlicher und kommunikationstheoretischer Aspekte» herausgearbeitet worden (vgl. dazu RÖSLER 1984). Demgegenüber hat Joachim Latacz durchaus unter Berücksichtigung der Funktionalitäts- Theorie den ästhetischen Wert und den Selbstzweck der Dichtung und das generelle Bestreben 2

3 des Dichters, Schönes sui causa zu schaffen, wieder stärker hervorgehoben (vgl. dazu LATACZ 1985, «Aktuelle Tendenzen...»). Antiker vs. moderner Lyrik-Begriff: Öffentlichkeit vs. Persönlichkeit Unsere modernen Vorstellungen von Lyrik/von einem lyrischen Gedicht decken sich wenn ü- berhaupt nur partiell mit den Auffassungen, die man im Jh. v. Chr. von den Erzeugnissen eines Archilochos, einer Sappho oder eines Alkman (vermutlich) hatte. Dass die neuzeitlichen Konzepte und Theorien des Begriffs «Lyrik» ihrerseits alles andere als klar und einheitlich sind, kommt erschwerend hinzu (vgl. dazu KNÖRRICH XII LIX). Ein Hauptunterschied zwischen antikem und modernem Lyrikbegriff besteht u. E. in dem explizit öffentlichen Charakter der frühgriechischen Dichtung (s. o.), welche mit der romantisch geprägten Vorstellung von Dichtung als Ausdruck persönlichster Empfindung, als Veräusserung seiner Einsamkeit gegenüber der Welt («Weltschmerz») u. dgl. so wenig zu tun hat. Des Weiteren scheinen die konkreten Inhalte/Themata in der griechischen Lyrik kein (engeres) Gattungskriterium gewesen zu sein, da diese ja im Wesentlichen vom situativen Kontext bestimmt wurden; demgegenüber ist in unserer zumindest in (ebenfalls von der Romantik geprägter) volkstümlicher Vorstellung das inhaltliche/ thematische Kriterium prädominant. (Die Liebes-/Gedanken-/Empfindungs-Lyrik hat bei den Griechen ja durchaus auch ihren Platz, doch ist dieser Themenkreis nur einer unter vielen.) Ebenso ist die Forderung nach «lyrischer Kürze» (vgl. dazu LAMPING 1989) kein antikes Kriterium man denke an die Länge von Pindars Oden oder an die Lieder des Stesichoros, die vermutlich z. T. über tausend Verse umfassten, oder aber die Kürze ist, wenn schon, kontextuell und nicht ästhetisch/konzeptuell motiviert. Im Übrigen ist auch auf die generelle Problematik des Begriffs «Lyrik» hinsichtlich des Jhs. hinzuweisen, ist selbiger doch erst seit dem Hellenismus (Alexandriner) als terminus technicus nachzuweisen (vgl. dazu SCHWINGE 1981 und GÖRGEMANNS 1990). Unter «frühgriechischer Lyrik» verstehen wir demnach im Folgenden nicht-epische und nichtdramatische, gesungene (und ggf. begleitete), für einen konkreten, situativen Aufführungskontext bestimmte, metrisch gebundene Dichtung. Inhaltliche/thematische Kriterien spielen dabei explizit keine Rolle (s. o.). Mit dieser Definition gleichbedeutend (bzw., nach antiken Massstäben, eigentlich präziser) ist der Terminus «Melik». (Vgl. zu alledem zusammenfassend HOSE ) 1.2 Didaktisches Zur Einführung für die Schüler/innen Inwieweit die unter 1.1 gemachten Ausführungen vertieft und in den Schulunterricht eingebaut werden sollen, bleibt natürlich der Lehrperson anheimgestellt. Ohne die Schüler/innen mit fachwissenschaftlichen Diskussionen und Theorien bombardieren zu wollen, scheint uns ein Hinweis auf den funktionalen/situativen/performativen Aspekt der frühgriechischen Lyrik, auf den «Sitz im Leben», wichtig, damit nicht irrige Vorstellungen und Erwartungen an die griechischen Gedichte herangetragen werden. Unter Umständen kann auf Kenntnisse aus dem Deutschunterricht zurückgegriffen werden; allenfalls bietet sich sogar die Gelegenheit zu einer kleinen interdisziplinären Zusammenarbeit (Absprachen mit der Deutsch-Lehrkraft treffen!). Evtl. könnte man als Einstieg in die Lyriker-Lektüre die Schüler/innen ihre Vorstellungen/Assoziationen von/mit «Lyrik» zusammenstellen lassen, um sie anschliessend etwa mit einem Archilochos-Gedicht (z. B. Frg. 114) zu konfrontieren. Zur vorliegenden Auswahl Gemäss der unter 1.1 gemachten Ausführungen kann, ja muss eine Auswahl aus dem «Corpus» der frühgriechischen Lyrik eine subjektive Angelegenheit bleiben. Versucht wurde, im Rahmen 3

4 eines sinnvollen/realistischen Umfangs (39 Vv. Archilochos + 45 Vv. Sappho + 27 Vv. Simonides = gesamthaft 111 Vv.) eine möglichst grosse thematische Vielfalt zu gewinnen, wobei die Themata nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern Bezüge untereinander entfalten sollen. Ausgelassen wurde der Bereich der sympotischen Literatur (Trinklieder). Angefangen wurde mit Archilochos; u. E. bietet sich dieser Dichter mit seiner relativ einfachen Sprache, seiner unverblümten Ausdrucksweise, seiner direkten Zugänglichkeit, seiner thematischen Vielseitigkeit und seiner Nähe zur eigenen Gegenwart als Einstieg an. Frg. 1 und 2 zeichnen das aristokratische Idealbild des Kriegers und musisch Begabten/Tätigen in einer Person. Frg. 131/132, 130 und 128 zeigen die Fragilität des menschlichen Schicksals, das «Ephemere» des Menschenlebens, die Abhängigkeit vom Willen der Götter, den Herodoteischen κύκλος τῶν ἀνθρωπηίων πρηγμάτων auf (vgl. Frg. 128,7: ῥυσμὸς ἀνθρώπους ἔχει). Frg. 5, 133 und 114 vermitteln auf nachgerade subversive Art eine pessimistische Sicht des homerischen Helden- Ideals, des κλέος ἄφθιτον und der καλοκἀγαθία, welche innere und äussere Schönheit miteinander gleichsetzt; die Figur des ῥιψασπίς sollte zu einem bestimmenden Motiv für die spätere Literatur werden. Frg. 13 schliesslich schlägt die Brücke zurück zu Frg. 131/132, 130 und 128: Mit der τλημοσύνη, die die Götter den Menschen als φάρμακον gegeben haben, existiert eine Gegenkraft zum «Gesetz des Auf und Ab» (ῥυσμός), die aber nicht in passivem Leiden, sondern in aktivem Sich-Durchsetzen/Durchhalten/Beherrschtsein besteht. Die Homer- und Herodot- Lektüre kann, ja muss demnach für Archilochos fruchtbar gemacht werden. Sappho dürfte demgegenüber erhebliche Schwierigkeiten beim Übersetzen bereiten, v. a. wegen des Dialekts die wichtigsten Dialektmerkmale des Lesbischen sind in einer Art «Vorspann» zum Kommentar punkteweise verzeichnet, aber auch wegen der vielen für die Schüler/innen unbekannten Vokabeln, wegen syntaktischer Inkonzinnitäten sowie wegen des stark trümmerhaften Überlieferungszustands. Evtl. ist hier eine synoptische Lektüre Griechisch Deutsch angebracht: Der Originaltext wird unter Zuhilfenahme der Übersetzung nachvollzogen; die Analyse des Originaltexts erfolgt unter Kenntnis des Inhalts mit Blick auf die literarische/stilistische Ausarbeitung (z. B. Stil-/Darstellungsmittel, Klangwirkungen etc.). Der Gewinn der Sappho-Lektüre besteht u. E. im genauen Hinhören auf die Sprache, welche feinste Gefühlsregungen auf ebenso nuancierte Weise umsetzt. Die Sprache/die Form ist Spiegel des Ausgesagten/des Inhalts; das spezifisch Literarische besteht in der sprachlichen Gestaltung bzw. in der Symbiose von Form und Inhalt. Gerade Sapphos Gedichte zeigen u. E. sehr deutlich, dass Dichtung ausschliesslich originalsprachlich wirklich verstanden werden kann. NB: Unseres Erachtens sollte man auch deshalb nicht mit Sappho einsteigen, um nicht irrigen Assoziationen mit «Lyrik» (Liebeslyrik u. dgl.) Vorschub zu leisten (s. o. 1.1). Den Abschluss macht Simonides PMG 543. Simonides ist wesentlich jünger als Archilochos und Sappho (557/6 468 v. Chr.) und steht bereits in einem anderen Kontext (Lyriker = Berufsdichter, Lyrik = Auftragsdichtung). Vermutlich handelt es sich bei dem Fragment um den mythischen Teil eines Epinikions, seine ursprüngliche konkrete Funktion kennen wir also nicht. Nichtsdestotrotz dürfte es den Schülern ebenso direkt ans Herz gehen wie dem Verfasser dieser Arbeit; u. E. eine hübsche Möglichkeit für die Schule, einen Lyrik-Lektüreblock abzuschliessen. Die Sprache ist wieder einfacher; der Perseus-Danaë-Mythos dürfte bekannt sein. Interessant ist, wofür ein Mythos (bzw. ein Teil/Aspekt einer mythischen Erzählung) gebraucht wird, nämlich als Ausgangspunkt für die Entwicklung weiterführender Gedanken und Reflexionen. NB: Zur Interpretation der meisten von uns ausgewählten Archilochos- und Sappho-Gedichte vgl. ASSMANN Vgl. ferner Kap. 3 «Mögliche Interpretationsfragen». Arbeiten mit Übersetzungen Allen ausgewählten Gedichten sind deutsche Übersetzungen beigefügt. Sie sollen der Lehrperson die Möglichkeit geben, nach Wunsch und Belieben im Unterricht damit zu arbeiten (z. B. synop- 4

5 tisches Lesen; Übersetzungsarbeit mit gedruckter [freier] Übersetzung als Übersetzungshilfe im Sinne eines Kommentars [setzt disziplinierte Haltung von Schülerseite voraus!]; Übersetzung als nachträgliche Kontrolle o. a.). Es bleibt jedoch zu bedenken, dass es sich in den meisten Fällen um Versübersetzungen handelt, welche zudem stellenweise (u. E.) nicht über alle Zweifel erhaben sind. Voraussetzungen Zeitpunkt: Man wird falls überhaupt! frühgriechische Lyrik vermutlich gegen Ende der 5. Klasse, wahrscheinlich aber eher erst in der 6. Klasse lesen. (Gute) Homer- und Herodot- Kenntnisse sollten vorausgesetzt werden können (s. o.). Dialekte: Vorauszusetzen ist, dass die Schüler/innen über die Existenz der verschiedenen griechischen Dialekte/Dialektgruppen Bescheid wissen und die Unterschiede zwischen Attisch und Ionisch kennen (vgl. Homer- und Herodot-Lektüre). Den Schülern sollte der Zusammenhang zwischen (Kunst-)Dialekt und literarischem Genus bewusst sein (oder spätestens jetzt bewusst gemacht werden). Zu den griechischen Dialekten vgl.: BUCK, CARL DARLING: The Greek Dialects. Grammar, Selected Inscriptions, Glossary, Chicago 1955 (1928) Vokabeln: Vorausgesetzt sind die Vokabeln aus Kantharos Lektionen Grammatik/Formen: Erklärt sind Formen, wenn sie «speziell aussehen» oder für die Schüler/ innen «mühsam» sein könnten. Im Zweifelsfalle wurde eher eine Form zuviel als zuwenig aufgenommen (dies gilt v. a. für die Sappho-Kommentare). Auf «didaktische Fragezeichen» bei Formen/Ableitungen, welche von den Schülern selber erschlossen werden sollen, wurde bewusst verzichtet, denn dadurch fühlt man sich als Schüler u. E. unnötig «geschulmeistert». Textgrundlagen Archilochos: WEST, MARTIN L.: Iambi et elegi Graeci ante Alexandrum cantati, Oxford (vol. I , vol. II ) Sappho: VOIGT, EVA-MARIA: Sappho et Alcaeus. Fragmenta, Amsterdam 1971 Simonides: PAGE, DENIS L.: Poetae melici Graeci, Oxford 1962 (abgekürzt PMG) An den wenigen Stellen, wo von diesen Textgrundlagen abgewichen wird, ist dies in einer Fussnote angemerkt. Übersetzungen: LATACZ 1991; Ausnahmen davon: Archilochos Frg. 133 und 114: FRANYO, ZOLTAN/GAN, PETER: Frühgriechische Lyriker, Berlin (4 Bände) Der verwendete griechische Schriftsatz ist «Xanthippe»; der Schriftsatz kann ebenfalls heruntergeladen werden (vgl. «Griechische Schriften» unter «Antike/Zeichensätze»). 1 Vermutlich wird man auf die eine oder andere Angabe im Kommentar verzichten können, da davon auszugehen ist, dass während der bisherigen Lektürephase jeweils neue Wörter gelernt wurden. 5

6 2 Ausgewählte Gedichte: Texte mit Wort- und Sachangaben 2.1 Griechische Texte mit Übersetzung Griechische Texte: Archilochos Frg. 1 West (1) εἰμὶ δ ἐγὼ θεράπων μὲν Ἐνυαλίοιο ἄνακτος (2) καὶ Μουσέων ἐρατὸν δῶρον ἐπιστάμενος. Archilochos Frg. 2 West (1) ἐν δορὶ μέν μοι μᾶζα μεμαγμένη, ἐν δορὶ δ οἶνος (2) Ἰσμαρικός πίνω δ ἐν δορὶ κεκλιμένος. Archilochos Frg. 131/132 West (1) τοῖος ἀνθρώποισι θυμός, Γλαῦκε Λεπτίνεω πάϊ, (2) γίνεται θνητοῖς, ὁποίην Ζεὺς ἐφ ἡμέρην ἄγῃ. (3) καὶ φρονέουσι τοῖ, ὁποίοις ἐγκυρέωσιν ἔργμασιν. Archilochos Frg. 130 West (1) τοῖς θεοῖς τέλεια πάντα 2 πολλάκις μὲν ἐκ κακῶν (2) ἄνδρας ὀρθοῦσιν μελαίνῃ κειμένους ἐπὶ χθονί, (3) πολλάκις δ ἀνατρέπουσι καὶ μάλ εὖ βεβηκότας (4) ὑπτίους, κείνοις δ ἔπειτα πολλὰ γίνεται κακά, (5) καὶ βίου χρήμῃ πλανᾶται καὶ νόου παρήορος. Archilochos Frg. 128 West (1) θυμέ, θύμ, ἀμηχάνοισι κήδεσιν κυκώμενε, (2) ἀνὰ δ ἔχευ, μένων 3 δ ἀλέξεο προσβαλὼν ἐναντίον (3) στέρνον ἐνδοκοισιν ἐχθρῶν πλησίον κατασταθεὶς (4) ἀσφαλέως καὶ μήτε νικέων ἀμφάδην ἀγάλλεο, (5) μηδὲ νικηθεὶς ἐν οἴκῳ καταπεσὼν ὀδύρεο, (6) ἀλλὰ χαρτοῖσίν τε χαῖρε καὶ κακοῖσιν ἀσχάλα (7) μὴ λίην, γίνωσκε δ οἷος ῥυσμὸς ἀνθρώπους ἔχει. Archilochos Frg. 5 West (1) ἀσπίδι μὲν Σαΐων τις ἀγάλλεται, ἣν παρὰ θάμνῳ, (2) ἔντος ἀμώμητον, κάλλιπον οὐκ ἐθέλων (3) αὐτὸν δ ἐξεσάωσα. τί μοι μέλει ἀσπὶς ἐκείνη; (4) ἐρρέτω ἐξαῦτις κτήσομαι οὐ κακίω. Archilochos Frg. 133 West (1) οὔτις αἰδοῖος μετ ἀστῶν οὐδὲ περίφημος θανών (2) γίνεται χάριν δὲ μᾶλλον τοῦ ζοοῦ διώκομεν (3) οἱ ζοοί, κάκιστα δ αἰεὶ τῷ θανόντι γίνεται. 2 τέλεια πάντα = Konjektur (Verbesserung) für das überlieferte sinnlose τ εἰθεῖάπαντα. 3 ἀνὰ δ ἔχευ, μένων = Konjektur für das überlieferte sinnlose ἀναδευ δυσμενῶν. 6

7 Archilochos Frg. 114 West (1) οὐ φιλέω μέγαν στρατηγὸν οὐδὲ διαπεπλιγμένον (2) οὐδὲ βοστρύχοισι γαῦρον οὐδ ὑπεξυρημένον, (3) ἀλλά μοι σμικρός τις εἴη καὶ περὶ κνήμας ἰδεῖν (4) ῥοικός, ἀσφαλέως βεβηκὼς ποσσί, καρδίης πλέως. Archilochos Frg. 13 West (1) κήδεα μὲν στονόεντα, Περίκλεες, οὔτέ τις ἀστῶν (2) μεμφόμενος θαλίῃς τέρψεται οὐδὲ πόλις (3) τοίους γὰρ κατὰ κῦμα πολυφλοίσβοιο θαλάσσης (4) ἔκλυσεν, οἰδαλέους δ ἀμφ ὀδύνῃς ἔχομεν (5) πνεύμονας. ἀλλὰ θεοὶ γὰρ ἀνηκέστοισι κακοῖσιν, (6) ὦ φίλ, ἐπὶ κρατερὴν τλημοσύνην ἔθεσαν (7) φάρμακον. ἄλλοτε ἄλλος ἔχει τόδε νῦν μὲν ἐς ἡμέας (8) ἐτράπεθ, αἱματόεν δ ἕλκος ἀναστένομεν, (9) ἐξαῦτις δ ἑτέρους ἐπαμείψεται. ἀλλὰ τάχιστα (10) τλῆτε, γυναικεῖον πένθος ἀπωσάμενοι. Sappho Frg. 1 Voigt (1) Ποικιλόθρον ἀθανάτ Ἀφρόδιτα, (2) παῖ Δίος δολόπλοκε, λίσσομαί σε, (3) μή μ ἄσαισι μηδ ὀνίαισι δάμνα, (4) πότνια, θῦμον, (5) ἀλλὰ τυίδ ἔλθ, αἴ ποτα κἀτέρωτα (6) τὰς ἔμας αὔδας ἀΐοισα πήλοι (7) ἔκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα (8) χρύσιον ἦλθες (9) ἄρμ ὐπασδεύξαισα κάλοι δέ σ ἆγον (10) ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας (11) πύκνα δίννεντες πτέρ ἀπ ὠράνω αἴθε- (12) ρος διὰ μέσσω (13) αἶψα δ ἐξίκοντο σὺ δ, ὦ μάκαιρα, (14) μειδιαίσαισ ἀθανάτῳ προσώπῳ (15) ἤρε, ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι (16) δηὖτε κάλημμι (17) κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι (18) μαινόλᾳ θύμῳ τίνα δηὖτε πείθω- (19) μαι σ ἄγην 4 ἐς σὰν φιλότατα; τίς σ, ὦ (20) Ψάπφ, ἀδίκησι; (21) καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει, (22) αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ, ἀλλὰ δώσει, (23) αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει (24) κωὐκ ἐθέλοισα. (25) ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλέπαν δὲ λῦσον 4 Zur Diskussion über die umstrittene Lesart dieser Stelle vgl. TZAMALI Text bei West: πείθω /.. σάγην. 7

8 (26) ἐκ μερίμναν, ὄσσα δέ μοι τέλεσσαι (27) θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον, σύ δ αὔτα (28) σύμμαχος ἔσσο. Sappho Frg. 31 Voigt (1) Φαίνεταί μοι κῆνος ἴσος θέοισιν (2) ἔμμεν ὤνηρ, ὄττις ἐνάντιός τοι (3) ἰσδάνει καὶ πλάσιον ἆδυ φωνεί- (4) σας ὐπακούει (5) καὶ γελαίσας ἰμέροεν, τό μ ἦ μὰν (6) καρδίαν ἐν στήθεσιν ἐπτόαισεν (7) ὠς γὰρ ἔς σ ἴδω βρόχε ὤς με φώνα- (8) σ 5 οὐδὲν ἔτ εἴκει, (9) ἀλλὰ καμ μὲν γλῶσσα ἔαγε, λέπτον (10) δ αὔτικα χρῷ πῦρ ὐπαδεδρόμακεν, (11) ὀππάτεσσι δ οὐδὲν ὄρημμ, ἐπιβρό- (12) μεισι δ ἄκουαι, (13) έκαδε μ ἴδρως κακχέεται, τρόμος δὲ (14) παῖσαν ἄγρει, χλωροτέρα δὲ ποίας (15) ἔμμι, τεθνάκην δ ὀλίγω πιδεύης (16) φαίνομ ἔμ αὔτᾳ. (17) ἀλλὰ πὰν τόλματον, ἐπεὶ καὶ πένητα [...] Simonides PMG 543 (1)... ὅτε λάρνακι (2) ἐν δαιδαλέᾳ (3) ἄνεμος τε μην πνέων (4) κινηθεῖσά τε λίμνα δείματι (5) ἔρειπεν, οὐκ ἀδιάντοισι παρειαῖς (6) ἀμφί τε Περσέι βάλλε φίλαν χέρα (7) εἶπέν τ ὦ τέκος, οἷον ἔχω πόνον (8) σὺ δ ἀωτεῖς, γαλαθηνῷ (9) δ ἤθεϊ κνοώσσεις (10) ἐν ἀτερπέι δούρατι χαλκεογόμφῳ (11) τῷ δε νυκτιλαμπεῖ, (12) κυανέῳ δνόφῳ ταθείς (13) ἄχναν δ ὕπερθε τεᾶν κομᾶν (14) βαθεῖαν παριόντος (15) κύματος οὐκ ἀλέγεις, οὐδ ἀνέμου (16) φθόγγον, πορφυρέᾳ (17) κείμενος ἐν χλανίδι, πρόσωπον καλόν. (18) εἰ δέ τοι δεινὸν τό γε δεινὸν ἦν, (19) καί κεν ἐμῶν ῥημάτων (20) λεπτὸν ὑπεῖχες οὖας. 5 West: φώνη- / σ 8

9 (21) κέλομαι δ, εὗδε, βρέφος, (22) εὑδέτω δὲ πόντος, εὑδέτω δ ἄμετρον κακόν (23) μεταβουλία δέ τις φανείη, (24) Ζεῦ πάτερ, ἐκ σέο (25) ὅττι δὲ θαρσαλέον ἔπος εὔχομαι (26) ἢ νόσφι δίκας, (27) σύγγνωθί μοι. Übersetzungen: Archilochos Frg. 1 West (1) Ich bin ein Knappe jawohl! von Enyalios, Herrn der Schlachten, (2) auch mit der Musen Geschenk, lieblichem, bestens vertraut. Archilochos Frg. 2 West (1) Auf dem Speer beruht mein Brot, und auf dem Speer mein Wein (2) der von Ismaros! Ich trink auf den Speer gestützt. Archilochos Frg. 131/132 West (1) So pflegt sich der Sinn den Menschen Glaukos, Sohn des Leptines! (2) zu gestalten (da sie sterblich), wie der Tag ist, den Zeus bringt, (3) und sie denken so, wie das ist, woran sie geraten sind. Archilochos Frg. 130 West (1) Bei den Göttern liegt das Schlusswort: oft erheben sie aus Not (2) einen Mann zu neuer Höhe, der auf schwarzem Boden liegt, (3) oftmals werfen sie auch nieder den, der festen Fuss gefasst (4) auf den Rücken; und bei diesem häuft sich dann viel Schlimmes an: (5) nicht nur brotlos irrt ein solcher, sondern planlos auch herum. Archilochos Frg. 128 West (1) Herz, mein Herz! von unstillbaren Kümmernissen angstverwirrt! (2) Standgehalten! Bleibe fest nur! Wehr dich! Und entgegen wirf (3) kühn die Brust! Beharre trotzig! An die Feinde tritt heran (4) ohne Schwanken! Weder siegst du wirf dich offen in die Brust (5) noch besiegt fall um im Hause und brich laut in Jammer aus! (6) Sondern: über Freuenswertes freu dich über Schlimmes klag (7) nicht zu sehr! Erkenne lieber, welcher Rhythmus Menschen hält! Archilochos Frg. 5 West (1) Ja mit dem Schild protzt jetzt ein Saier wohl! hab ihn beim Strauche, (2) die tadellose Wehr, zurückgelassen, ungewollt (3) mich selbst jedoch gerettet! Was schert mich der Schild da hinten? (4) Vorbei! demnächst hol ich mir einen, der nicht schlechter ist! Archilochos Frg. 133 West (1) Wer denn wird nach seinem Tode von den Bürgern hochgeehrt (2) Und gerühmt? Wir sterben lieber bei den Lebenden nach Gunst, (3) Weil wir leben; doch den Toten wird das Schlimmste angetan. Archilochos Frg. 114 West (1) Mir gefällt kein langer Feldherr, der gewaltige Schritte macht, 9

10 (2) Sich mit seinen Locken brüstet, eitel sich das Kinn rasiert. (3) Mehr gefiele mir ein kleiner, sind auch seine Beine krumm; (4) Aber stämmig auf den Füssen soll er stehn und voller Herz. Archilochos Frg. 13 West (1) Den seufzerreichen Kummer wird zwar, Perikles! kein Bürger (2) verdenken uns und sich der Feier freu n auch nicht die Stadt: (3) so trefflich sind ja, die hinab des Wellenmeeres Woge (4) gespült hat und hochaufgeschwellt sind uns vom herben Schmerz (5) die Lungen! Doch: die Götter haben unheilbaren Übeln, (6) mein Freund, den starken Duldemut entgegen ja gesetzt (7) als Arzenei! Dies hier trifft immer andre. Jetzt hat s uns zwar (8) ereilt und blutend ist die Wunde, der das Seufzen gilt, (9) ein andermal wird s zu den andern wechseln. Augenblicks denn (10) bringt Kraft auf! und die Trauer weibisches Gefühl! werft ab! Sappho Frg. 1 Voigt (1) Buntthronig unsterbliche Aphrodite, (2) Kind des Zeus du, listenflechtendes! ich bitte dich: (3) drück mir nicht in Überdruss und Qualen nieder, (4) Herrin, den Mut! (5) Sondern: Komm hierher! wenn du einmal auch zu andrer Zeit schon (6) diese meine Stimme hörend aus der Ferne (7) ihr dein Ohr geschenkt hast und des Vaters Haus verlassend (8) gekommen bist nachdem den goldnen (9) Wagen du unters Joch geschirrt hast und schön dich zogen (10) hurtige Sperlingsvögel hoch über der schwarzen Erde, (11) eifrig die Flügel schlagend, herab vom Himmel, hindurch (12) durch des Luftraums Mitte: (13) flugs waren sie da und du, o Selige: (14) lächelnd mit göttlichem Antlitz (15) hast du gefragt, was ich denn jetzt wohl wieder für ein Lied nur hätte, und wonach (16) ich jetzt denn wieder riefe (17) und was ich denn am sehnlichsten bekommen möchte, (18) in meinem liebestollen Sinn? «Wen soll ich jetzt denn wieder überreden, (19) dass du ihn führen kannst in deine Liebe? Wer macht dich, (20) meine Sappho, krank? (21) Denn wenn sie flieht bald wird sie suchen! (22) und wenn Geschenke sie nicht annimmt geben wird sie! (23) und wenn sie nicht liebt rasch wird sie lieben (24) auch wenn sie nicht will.» (25) Komm zu mir auch jetzt! und von dem schlimmen (26) Kummer mach mich frei! und alles das, was meine Sinne (27) dass es geschehe glühend wünschen, lass geschehen! Und du selber: (28) Mitstreiterin sei mir! Sappho Frg. 31 Voigt (1) Es scheint derjenige mir gleich den Göttern (2) zu sein, der Mann, der gegenüber dir 10

11 (3) stets sitzt und aus der Nähe stets, wenn süss du (4) redest, dir zuhört, (5) und wenn du lachst betörend... Das hat mir wahrhaftig! (6) das Herz in der Brust jäh aufgeschreckt! (7) Denn wenn ich auf dich blicke, kurz nur, ist zum (8) Sprechen kein Raum mehr, (9) nein: ganz gebrochen ist die Zunge, fein (10) ist augenblicks unter die Haut ein Feuer mir gelaufen, (11) und mit den Augen seh ich nichts, es (12) dröhnen die Ohren, (13) herab rinnt kalter Schweiss an mir, ein Zittern (14) hält ganz gepackt mich, fahler noch als Dürrgras (15) bin ich vom Totsein wenig nur entfernt (16) komm ich mir selbst vor... (17) Doch alles ist durchstehbar, da [...] [...] Catulls Übertragung/Adaption von Sappho Frg. 31 Voigt ins Lateinische (c. 51) (1) ille mi par esse deo videtur, (2) ille, si fas est, superare divos, (3) qui sedens adversus identidem te (4) spectat et audit (5) dulce ridentem, misero quod omnis (6) eripit sensus mihi: nam simul te, (7) Lesbia, aspexi, nihil est super mi (8)... (9) lingua sed torpet, tenuis sub artus (10) flamma demanat, sonitu suopte (11) tintinant aures, gemina teguntur (12) lumina nocte. (13) otium, Catulle, tibi molestum est: (14) otio exsultas nimiumque gestis: (15) otium et reges prius et beatas (16) perdidit urbes. Simonides PMG 543 (1)... als dann im Kasten, (2) dem kunstreichen Bau, (3) der Wind mit seinem ständ gen Weh n (4) und die bewegte See vor Schrecken sie (5) hinsinken liess, da legte sie nicht tränenlos die Wangen (6) um Perseus ihren Arm in Liebe (7) und sprach: «Ach Kind! was hab ich doch für Müh! (8) Du aber schläfst, liegst hier nach Säuglings- (9) art in festem Schlummer (10) in deinem freudelosen erzgenagelt Holz, (11) das durch die Nacht erstrahlt, (12) in schwarzes Dunkel verbannt; (13) die Gischt, die über deinen Locken oben (14) hoch aufsteigt, immer wenn vorübereilt 11

12 (15) die Welle, schert dich nicht, und nicht des Windes (16) Geheul in purpurrotem (17) Wolljäckchen liegst du da, du schön Gesicht! (18) Ja, wenn für dich, was wirklich schrecklich, schrecklich wär, (19) dann würdest du auch meinen Worten (20) dein winzigkleines Öhrchen leih n. (21) So aber rat ich: Schlaf, mein Kindchen! (22) Doch schlafe auch das Meer, es schlaf die Plage ohne Mass! (23) und eine Ändrung stelle ein sich, (24) Zeus, Vater du, von deiner Hand! (25) Doch bet ich hier ein Wort, das allzu kühn wär, (26) eins ohne Rechtsgrund (27) so sieh es mir nach dann!» 2.2 Wort- und Sachangaben zu den Gedichten Archilochos Frg. 1 West 1 ὁ θεράπων, -οντος Diener (sowohl Tempeldiener [sakral] als auch Diener im Haus [profan]) (vgl. θεραπεύω) ὁ Ἐνυάλιος Kriegsgott, Schlachtgott (urspr. [bei den Mykenern] ein eigenständiger Gott; in der Ilias ein Epitheton [Beiwort] des Ares; seither meist [wie auch hier] Synonym für Ares) ὁ ἄναξ, ἄνακτος Herr, Gebieter, Herrscher 2 αἱ Μοῦσαι die (neun) Musen (die Göttinnen des Gesangs, der Künste und der Wissenschaften) (vgl. μουσική) ἐρατός (3) = ἐραστός: geliebt; liebenswürdig, anmutig (vgl. ἐράω) Archilochos Frg. 2 West 1 τὸ δόρυ, δόρατος/δορός Baumstamm, Balken; Speerschaft, Lanze ἡ μᾶζα Teig; Brei aus Gerstenmehl; Gerstenbrot (< *μάγjα) μεμαγμένος Part. Perf. MP zu μάσσω: kneten (< *μάγjω) 2 Ἰσμαρικός (3) ἡ Ἴσμαρος: Küstenstadt und Bergzug in Thrakien («Ismarischer Wein»: vgl. Od. 9,198ff.: Odysseus erhält von einem Apollonpriester Ismarischen Wein geschenkt; mit diesem «göttlichen» Wein schläfert er den Kyklopen Polyphem ein, und so gelingt Odysseus und Co. die Flucht. Ismarischer Wein war weltberühmt.) κεκλιμένος Part. Perf. MP zu κλίνω: (an)lehnen; (passiv): sich anlehnen, sich stützen Archilochos Frg. 131/132 West 1 τοῖος (3) = τοιόσδε/τοιοῦτος Γλαῦκε Λεπτίνεω πάϊ Glaukos, Sohn des Leptines (ein Name, der mehrfach bei Archilochos als angesprochene Person erscheint; 1955 wurde auf der Insel Thasos die Grabinschrift für diesen Glaukos, Sohn des Leptines, gefunden, datiert Ende 7. Jh. v. Chr.) 3 ἐγ-κυρέω/-κύρω τινί auf etw. stossen, treffen, etw. erlangen 12

13 τὸ ἔργμα Tat (vgl. ἔργον) Archilochos Frg. 130 West 2 ὀρθόω aufrichten, erheben (trans.) (vgl. ὀρθός) 3 ἀνα-τρέπω umwerfen, umstürzen; zugrunde richten καί (hier steigernd:) auch, sogar μάλα sehr, ganz und gar (vgl. μᾶλλον, μάλιστα) βεβηκώς βεβηκέναι: «sich hingestellt haben», feststehen, festen Boden unter den Füssen haben εὖ βέβηκα (sinngemäss etwa:) es geht mir gut, ich führe ein gesichertes Leben 4 ὕπτιος (3) rücklings, auf den Rücken κεῖνος = ἐκεῖνος δ Die spitzen Klammern bedeuten, dass der betreffende Buchstabe oder das betreffende Wort nicht überliefert ist, jedoch zwingend ergänzt werden muss. 5 βίος (hier:) Lebensunterhalt (Nahrung, Proviant; Habe, Besitz, Auskommen) ἡ χρήμη = ἡ χρεία: (hier:) Not, Notlage, Mangel (vgl. χράομαι) παρήορος (2) verwirrt; leichtfertig, unbesonnen Archilochos Frg. 128 West 1 ἀ-μήχανος (3) (hier:) unüberwindlich, unbändig (eigtl. «wer sich nicht zu helfen weiss» bzw. «wogegen es kein Mittel gibt») (vgl. μηχανή) τὸ κῆδος Sorge, Kummer, Schmerz κυκάω in Aufruhr bringen 2 ἀνὰ δ ἔχευ ἀν-έχομαι: aushalten, ertragen; ἔχευ = ἔχεο/ἔχου ἀλέξομαι von sich abwehren, sich verteidigen (τινά gegen jdn.) 3 τὸ στέρνον Brust; Herz, Gemüt ἐνδοκοισιν Das Kreuz bedeutet, dass die betreffende Stelle/das betreffende Wort in der überlieferten Gestalt «verderbt» ist, d. h. keinen Sinn ergibt und nicht (oder nicht sicher) rekonstruiert werden kann. Ignorieren Sie ἐνδοκοισιν bei Ihrer Übersetzung! πλησίον (Adv./Präp.) nahe (πλησίον τινός nahe bei jdm.) κατα-σταθείς καθ-ίσταμαι: sich hinstellen, sich aufstellen, hintreten (σταθείς: Part. Aor. Pass.) 4 ἀσφαλής (2) zuverlässig, kühn ἀμφάδην (Adv.) öffentlich, unverhohlen ἀγάλλομαι sich brüsten, triumphieren, sich gehoben fühlen 5 ὀδύρομαι wehklagen, jammern 6 χαρτός (3) erfreulich, angenehm (vgl. χαίρω) ἀ-σχαλάω ungehalten sein, sich ärgern (vgl σχολή: eigtl. «das Anhalten», «der Einhalt»!) 7 λίην (Adv.) zu sehr (att. λίαν) ὁ ῥυσμός (ion.:) = ὁ ῥυθμός (eigtl. «gleichmässige Bewegung», danach: Gleichmass, Regelmässigkeit, Proportion, Takt, 13

14 «Rhythmus» [vgl. ῥέω]) Archilochos Frg. 5 West 1 οἱ Σάϊοι thrakischer Volksstamm in der Gegend von Abdera ἀγάλλομαι sich brüsten, triumphieren, sich gehoben fühlen ὁ θάμνος Busch, Strauch 2 τὸ ἔντος Waffe, Gerät ἀ-μώμητος (2) untadelig, tadellos (μωμάομαι tadeln) κάλλιπον = κατά-λιπον = κατ-έλιπον 3 αὐτόν auf den Sprecher zu beziehen ἐξ-εσάωσα (ἐκ)-σαόω = (ἐκ)σῴζω 4 ἐρρέτω ἔρρω: weggehen, (zu seinem Unglück wohin) gehen ἐρρέτω ~ fort mit dir! zum Henker! ἐξαῦτις (Adv.) wiederum, von neuem Archilochos Frg. 133 West 1 οὔ-τις = οὐδείς αἰδοῖος (3) (aktiv:) ehrerbietig, rücksichtsvoll; (passiv:) ehrwürdig, Ehrfurcht gebietend, ehrenwert (vgl. αἰδέομαι, αἰδώς) μετά (Präp.) (hier, + Gen.:) inmitten, mitten unter, zwischen ὁ ἀστός Städter, Bürger (τὸ ἄστυ, -εως Stadt) περί-φημος weitherum bekannt, sehr berühmt (ἡ φήμη Ruf, Ruhm) 2 ζοός (3) = ζωός (3): lebend, lebendig διώκω verfolgen, streben nach (trans.) Archilochos Frg. 114 West 1 δια-πεπλιγμένος Part. Perf. MP zu δια-πλίσσομαι: gespreizt einhergehen 2 ὁ βόστρυχος Haarlocke γαῦρος (2) stolz, hochmütig, sich brüstend (τινί mit etw.) ὑπο-ξυρέω ein wenig rasieren oder unten (d. h. unter der Nase) rasieren (ξυρέω rasieren, scheren) 3 ἡ κνήμη Unterschenkel, Wade 4 ῥοικός (3) gekrümmt, krummbeinig ἀσφαλής (2) sicher, fest βεβηκώς βεβηκέναι: «sich hingestellt haben», feststehen, festen Boden unter den Füssen haben ποσσί = ποσί (Dat. Pl. zu πούς) ἡ καρδία Herz πλέως, -α, ων = πλήρης (2) Archilochos Frg. 13 West Das Fragment stammt vermutlich aus einem Trostgedicht, das nach einem grossen Schiffsunglück entstand, dem auch Archilochos Schwager zum Opfer gefallen war. Zum angeredeten Perikles s. u. 1 τὸ κῆδος Sorge, Kummer, Schmerz 14

15 στονόεις (3) stöhnend, klagend, seufzerreich Περίκλεες Vokativ zu Περικλῆς, -έους (gemeint ist natürlich nicht der berühmte Staatsmann [ca v. Chr.], sondern irgendein uns nicht näher bekannter Adressat gleichen Namens) ὁ ἀστός Städter, Bürger (τὸ ἄστυ, -εως Stadt) 2 ἡ θαλία Blüte; blühendes Glück; Festfreude, Festschmaus; θαλίῃς = θαλίαις (Dat. Pl.) τέρπομαι sich gütlich tun, sich vergnügen, sich erfreuen 3 τοῖος (3) = τοιόσδε/τοιοῦτος κατά (Präp.) (hier, + Akk.:) abwärts, in... hinab τὸ κῦμα Welle, Woge πολύ-φλοισβος (2) lauttosend, lautrauschend (ὁ φλοῖσβος Rauschen, Brausen) ἡ θάλασσα Meer 4 κλύζω (weg)spülen οἰδαλέος (3) geschwollen, aufgedunsen ἀμφί (Präp.) (hier, + Gen.:) wegen, von (kausal) ἡ ὀδύνη Schmerz, Betrübnis, Traurigkeit 5 ὁ πνεύμων, -ονος Lunge (oft Pl.) (vgl. πνέω) ἀν-ήκεστος (2) unheilbar; untilgbar; unerträglich (ἀκέομαι heilen) 6 ἐπὶ... ἔθεσαν Beachten Sie die Tmesis! κρατερός (3) = καρτερός: stark, ausdauernd, standhaft (vgl. κρείττων, κράτιστος) ἡ τλημοσύνη Kraft zum Ertragen, Standhaftigkeit, Gefasstheit (τλῆναι: ertragen, standhaft sein, ausharren [«aktive» Tätigkeit, im Ggs. zum rein passiven πάσχειν]) 7 ἄλλοτε (Adv.) ein andermal, zu einer anderen Zeit 8 αἱματόεις (3) blutend, blutig ἀνα-στένω beklagen, bejammern 9 ἐξαῦτις (Adv.) wiederum, von neuem ἐπ-αμείβομαί τινα im Wechsel zu jdm. kommen (Beachten Sie den Subjektswechsel: Subjekt ist τόδε aus Vers 7!) τάχιστα = ὡς τάχιστα 10 τὸ πένθος Leid, Trauer, Wehklagen ἀπ-ωσάμενος Part. Aor. Med. zu ἀπ-ωθέω: wegstossen, vertreiben, von sich abwehren Merkmale des lesbischen Dialekts: Der lesbische Dialekt gehört zusammen mit dem Thessalischen und dem Böotischen zur Gruppe der äolischen Dialekte. Die äolischen Dialekte wiederum gehören zusammen mit dem Attisch- Ionischen und dem Arkado-Kyprischen zur Hauptgruppe des Ostgriechischen. (NB: Demgegenüber umfasst das Westgriechische im Wesentlichen die zahlreichen dorischen Dialekte.) Die wichtigsten Dialektmerkmale des Lesbischen sind die Folgenden: 6 Vollständiger Verlust der Behauchung am Wortanfang (sog. «Psilose») (z. B. ἄρμα statt ἅρμα) 6 Beachte: Verzeichnet sind nur Merkmale, welche für die Übersetzung/das Verständnis der Sappho- Gedichte von Belang sind. Referenzpunkt ist der Ihnen bekannte attische Dialekt. 15

16 Rezessiver Akzent: Der Wortakzent wird immer so weit als möglich nach vorne gezogen (sog. «Barytonese») (z. B. θύμος statt θυμός); bisweilen Akut statt Zirkumflex (z. B. πάν statt πᾶν) Dat. Pl. der 1./2. Dekl. auf -αισι/-οισι (statt -αις/-οις) Dat. Pl. der 3. Dekl. auf -εσσι (statt -σι/-εσι) Part. Akt. fem. auf -οισα/-αισα (statt -ουσα/-ασα) Thematischer Infinitiv auf -ην statt -ειν (z. B. ἄγην statt ἄγειν) Athematischer Infinitiv auf -μεναι statt -ναι (z. B. ἔμμεναι statt εἶναι) Häufig ο statt α (z. B. ὄνα statt ἀνά) Kontraktionen: α + ο = α; ε + ε = η (z. B. τᾶν statt τῶν; κῆνος statt (ἐ)κεῖνος) Verba Kontrakta auf -μι statt -ω (z. B. κάλημμι statt καλέω) Häufig Doppelkonsonanten (z. B. ὄττις statt ὅστις, ὄππως statt ὅπως) «Spezialitäten» bei einzelnen Wörtern: ὐπά statt ὑπό, αἰ statt εἰ, κεν statt ἄν,... Sappho Frg. 1 Voigt 7 1 ποικιλό-θρονος (2) auf einem verzierten Sessel thronend (vgl. ποικίλος; θρόνος) 2 δολό-πλοκος listenflechtend, trugspinnend (ὁ δόλος List, Trug; πλέκω flechten) λίσσομαι bitten, anflehen 3 ἠ ἄση Überdruss, Unmut; Schmerz, Kummer ἠ ὀνία [ἡ ἀνία] Plage, Qual, Mühsal, Last δαμνάω = δαμνάζω: zähmen, bändigen; bedrängen, bedrücken 4 ἠ πότνια Herrin, Gebieterin (übliche Anrede an eine Göttin, schon bei Homer) 5 τυίδε (Adv.) [τῇδε] hierher αἴ ποτα [εἴποτε] κἀτέρωτα wenn irgendeinmal, wenn je = καὶ ἐτέρωτα (Krasis); ἐτέρωτα: ein andermal, früher schon einmal (vgl. ἕτερος) 6 ἠ αὔδη [ἡ αὐδή] Stimme, Ruf ἀΐω wahrnehmen, vernehmen, hören πήλοι [τῆλε/τηλοῦ] in der Ferne 7 κλύω erhören, Gehör schenken ὀ δόμος Haus 8 χρύσιος (3) = χρυσοῦς (χρύσιον kann [theoretisch] sowohl auf δόμον als auch auf ἄρμ bezogen werden) 9 τὸ ἄρμα [ἅρμα] Wagen, Gespann ὐπα-σδεύξαισα [ὑπο-ζεύξασα] κάλοι Part. Aor. Akt. fem. zu ὑπο-ζεύγνυμι: unter das Joch spannen, anspannen, anschirren (ζ wurde ursprünglich tatsächlich als σδ ausgesprochen und wurde in gewissen Dialekten zuweilen auch so geschrieben.) prädikativ auf ὤκεες στροῦθοι zu beziehen 7 Im Folgenden werden die Vokabeln in der linken Spalte in ihrer äolischen Form angegeben; in eckigen Klammern ist jeweils die entsprechende attische Form beigefügt. Wo nichts in Klammern dasteht, ist die äolische Form mit der attischen identisch (oder unterscheidet sich nur hinsichtlich der Behauchung des Artikels, ὀ/ὁ bzw. ἠ/ἡ.) 16

17 10 ὤκυς [ὠκύς] (3) schnell, geschwind, behende ὀ στροῦθος [ὁ στρουθός] Sperling (Sperlinge sind neben Tauben und Schwan Fruchtbarkeitssymbole der Aphrodite.) περί περί (+ Gen.) hier i. S. v. ὑπέρ (+ Gen.) 11 πύκνος [πυκνός] (3) dicht, festgefügt; (hier:) dichtbefiedert δίννεντες δίννημι (äol.) = δινέω: im Kreise drehen, herumschwingen τὸ πτέρον [πτερόν] Feder, Flügel (meist Pl.) ἀπ ὠράνω (äol.) ὀ ὤρανος, -ω = (att.-ion.) ὁ οὐρανός, -οῦ 12 αἴθερος διὰ μέσσω gehört zusammen 13 αἶψα (Adv.) schnell, sogleich, sofort ἐξ-ίκοντο ἐξ-ικνέομαι ~ ἀφ-ικνέομαι μάκαρ, μάκαρος glückselig (stehendes Beiwort für die Götter bei und seit Homer) (fem. μάκαιρα) 14 μειδιάω lächeln τὸ πρόσ-ωπον Gesicht 15 ἤρε = ἤρεο (ἤρου): Aor. II 2. Sg. zu ἔρομαι: fragen δηὖτε (Adv.) = δὴ αὖτε: schon wieder 18 μαινόλης, -ου (Adj.) begeistert, rasend, verzückt (ἡ μανία Wahnsinn, Raserei) 18ff. τίνα δηὖτε πείθω κτλ. (maskuliner a-stamm, Adjektiv) Ab hier folgt eine direkte Rede der Aphrodite, welche von der Bittstellerin referiert wird. Sie endet mit V. 24 (ἐθέλοισα). 18f. πείθωμαι deliberativer Konjunktiv 19 σ = σοι, nicht = σε (Der Dativ σ ist abhängig von πείθωμαι, τίνα ist abhängig vom Infinitiv ἄγην.) 8 ἠ φιλότης, -τητος Liebe, Freundschaft, Zuneigung (vgl. φιλέω, φίλος) 20 Ψάπφ Ψάπφω = Σαπφώ (Die Etymologie des Namens Ψάπφω/Σαπφώ ist ungeklärt; vermutlich ist er nicht-griechischen, evtl. kleinasiatischen Ursprungs. Sappho spricht von sich selbst immer als Ψάπφω; die Schreibung Σαπφώ wurde erst später geläufig.) ἀδίκησι [ἀδικεῖ] -τι/-σι = alte Endung der 3. Sg. 21 καὶ γάρ denn auch, denn sogar, denn selbst (steigernd) διώκω (ver)folgen 22 δέκομαι = δέχομαι: annehmen ἀλλά Unterschlagen sie ἀλλά oder übersetzen Sie mit «so doch»! καὶ γὰρ αἰ φεύγει κτλ. Subjekt ist die von der Bittstellerin geliebte Person. 24 κωὐκ = καὶ οὐκ (Krasis); καὶ hier einschränkend: selbst wenn, auch wenn 25 ἔλθε μοι ἔρχομαί τινι : für jdn./zu jdm./zu jds. Unterstützung kommen 26 ἠ μέριμνα Sorge, Kummer (vgl. μεριμνάω) 27 ἰμέρρω [ἱμείρω] sich sehnen, begehren, wünschen 28 ἔσσο Imper. Präs. Med. 2. Sg. zu ἔμμεναι (statt att. ἴσθι zu εἶναι) Sappho Frg. 31 Voigt 1 κῆνος (3) = (ἐ)κεῖνος 8 «Wen soll ich denn nun schon wieder dir willfahrend in die Liebe zu dir zurückführen?» Die Syntax des Satzes ist skurril; die ganze Stelle ist wissenschaftlich umstritten. 17

18 ἴσος (3) gleich, ähnlich 2 ἔμμεν = ἔμμεναι = εἶναι ὤνηρ = ὀ ἄνηρ [ὁ ἀνήρ] ἐνάντιός τινι jdm. gegenüberstehend/-liegend/-sitzend [ἐναντίος τινί] 3 ἰσδάνει [ἱζάνει] ἱζάνω = ἵζω: (hier:) sitzen (diese Bedeutung selten, sonst eher: setzen, sich setzen) (ἰσδάνει: ζ wurde ursprünglich tatsächlich als σδ ausgesprochen und wurde in gewissen Dialekten zuweilen auch so geschrieben.) πλάσιον [πλησίον] nahe, in der Nähe φωνέω die Stimme erheben, reden, sprechen (vgl. φωνή) 4 ὐπ-ακούω τινός [ὑπ-] jdm. zuhören 5 ἰμερόεις [ἱμερόεις] (3) sehnsuchtserweckend; lieblich, anmutig; sehnsuchtsvoll (ὁ ἵμερος: Sehnsucht; vgl. Sappho Frg. 1,27: ἰμέρρω/ἱμείρω: sich sehnen) 3 5 ἆδυ φωνείσας γελαίσας ἰμέροεν ἆδυ und ἰμέροεν: Akk. Sg. n. des Adjektivs, als Adverb verwendet (dieser Gebrauch von Catull ins Lateinische übertragen: dulce ridentem). φωνείσας und γελαίσας: Part. Aor. Akt. [ἡδὺ φωνήσας γελάσας ἱμέροεν] Gen. Sg. f., abhängig von ὑπακούει. 5 τό gemeint ist: all dies, das eben Beschriebene, dieser betörende Anblick ἦ μάν [ἦ μήν] (Adv.) ganz gewiss 6 ἠ καρδία Herz τὸ στῆθος Brust; Herz, Gemüt πτοέω in Aufregung versetzen, aus der Fassung bringen 7 βρόχε = βρόχεα [βράχεα], zu βρόχυς [βραχύς] (3): kurz Akk. Pl. n., als Adv. aufzufassen ὠς... ὤς sobald als/sowie... so/dann 7f. φώνασ = φώνασαι: Inf. Aor. zu φωνέω 8 εἴκει es ist möglich 9 καμ verderbt; vermutlich: κὰμ μὲν < κὰτ μὲν = κατὰ μὲν; κατὰ zu ἄγνυμι; κατ-άγνυμι ~ ἄγνυμι ἠ γλῶσσα Zunge ἔαγε Perf. zu ἄγνυμι: (zer)brechen λέπτος [λεπτός] (3) dünn, zart, fein 10 χρῷ Dat. Sg. zu ὁ χρώς, χρωτός (statt χρωτί): Haut ὐπα-δεδρόμακεν δεδρόμακα [δέδρομα]: Perf. Akt. zu τρέχω; ὑποτρέχω: unter etw. laufen; überkommen, befallen, anwandeln (trans.) 11 ὀππάτεσσι Dat. Pl. zu τὸ ὄππα [ὄμμα], -ατος: Auge (< *ὄπ-μα) ὄρρημι = ὁράω/ὁρέω ἐπιβρομέω dröhnen, tosen 12 ἠ ἀκούη/ἀκόη Gehör; (Pl.) Ohren [ἡ ἀκουή/ἀκοή] 13 έκαδε verderbt; unterschlagen Sie das unverständliche Wort bei der Ü- bersetzung! ὀ ἴδρως, -ωτος [ὁ ἱδρώς, -ῶτος] Schweiss 18

19 κακ-χέεται κακ-χέεται = κατα-χέεται; καταχέω: herabgiessen, darübergiessen, ausschütten; (passiv) herabrinnen, sich ergies-sen ὀ τρόμος Zittern, Beben 14 παῖσαν = πᾶσαν; sc. με ἀγρέω jagen, fangen, ergreifen (ἡ ἄγρα Jagd) χλώρος [χλωρός] (3) blass, fahl, bleich ἠ ποία/πόα Gras 15 ἔμμι = εἰμί τεθνάκ-ην [τεθνηκέναι] Inf. Perf. Akt. zu θνῄσκω ὀλίγω [ὀλίγου] um ein weniges, beinahe, fast (Gen.) ἐπιδεύης [ἐπιδευής] (2) = ἐπιδεής: bedürftig, ermangelnd; geringer, nachstehend (vgl. δέομαι/δεῖ) (hier freier i. S. v. «davon entfernt» zu übersetzen; τεθνάκην ist abhängig von ὀλίγω πιδεύης, ὀλίγω πιδεύης von φαίνομ ἔμ αὔτᾳ.) 16 ἔμ = ἐμοί 17 τολμάω ertragen, aushalten; τόλματον [τολματόν] = Verbaladjektiv, sc. ἐστί ἐπεὶ καὶ πένητα Die Überlieferung des Gedichts bricht hier ab, der Schluss ist verderbt; dass es noch weiter ging, ist rein äusserlich daran ersichtlich, dass das Gedicht mitten in der Strophe aufhört. Simonides PMG 543 Zur Vorgeschichte: Danaë, Tochter des Königs Akrisios von Argos, wurde von ihrem Vater aus Angst vor einem todbringenden Orakelspruch in ein Gewölbe eingesperrt. Zeus besuchte sie dort in Form eines goldenen Regens und zeugte mit ihr einen Sohn: Perseus. Zur Strafe setzte Akrisios Tochter und Enkel in einer Kiste auf dem Meer aus. Die Kiste wird an die Kykladen-Insel Seriphos angetrieben Danaë und Perseus haben überlebt. 1 ἡ λάρναξ, -ακος Kiste, Truhe 2 δαιδάλεος (3) kunstvoll, verziert (vgl. Δαίδαλος: eigtl. «Künstler»!) 3 μην verderbt ignorieren! 4 ἡ λίμνη See, Meer τὸ δεῖμα, -ατος Schreckbild; Angst, Schrecken (δείματι vor Schrecken [zu beziehen auf ἔρειπεν]) 5 ἐρείπω umstürzen, hinstrecken (trans.) ἀ-δίαντος (2) unbenetzt (διαίνω benetzen, beweinen) ἡ παρειά Wange 1 5 ὅτε... ἔρειπεν Objekt des Geschehens: Danaë 5 7 οὐκ ἀδιάντοισι... εἶπεν τ Subjekt: Danaë; Danaë ist im Folgenden (ὦ τέκος κτλ.) die Sprecherin 7 τὸ τέκος = τὸ τέκνον 8 ἀωτέω schlafen γαλα-θηνός (2) milchsaugend (τὸ γάλα, -ακτος Milch; θάω säugen, [med.] saugen) 9 τὸ ἦθος Gewohnheit; Charakter, Sinnesart; Art und Weise κνώσσω tief schlafen, schlummern (Die vorliegende Form ist metrisch «zerdehnt».) 10 ἀ-τερπής (2) unergötzlich, freudlos, traurig (τέρπομαι sich ergötzen, sich erfreuen) 19

20 δούρατι Dat. Sg. zu τὸ δόρυ, -ατος: eigentliche Bedeutung: «Baumstamm, Balken, Bauholz», danach (metonymisch) alles aus Holz Gefertigte χαλκεό-γομφος (2) erzgenagelt (ὁ γόμφος Pflock, grosser Nagel) 11 νυκτι-λαμπής (2) durch die/in der Nacht leuchtend/erstrahlend 12 κυάνεος (3) stahlblau, schwarzblau; finster, schwarz (negativ konnotiert) ὁ δνόφος Dunkelheit, Finsternis ταθείς Part. Aor. Pass. zu τείνω 13 ἡ ἄχνη Schaum ὕπερθε (Präp.) (Präp. + Gen.:) oberhalb von, über ἡ κόμη (langes) Haar (oft Pl.) 14 βαθύς (3) tief bzw. hoch (vgl. lat altus) 14f. παριόντος κύματος Gen. abs. 15 τὸ κῦμα Welle, Woge ἀ-λέγω sich um etw. kümmern/scheren 16 ὁ φθόγγος Klang, Geräusch πορφύρεος (3) purpurrot 17 ἡ χλανίς, -ίδος Gewand, Prachtmantel τὸ πρόσ-ωπον Gesicht 19 κεν = ἄν τὸ ῥῆμα Rede, Wort (vgl. ῥήτωρ) 20 λεπτός (3) dünn, zart, fein ὑπ-έχω hingeben, darreichen (bsd.: jdm. Gehör schenken) τὸ οὖας, οὔατος = τὸ οὖς, ὠτός: Ohr 21 κέλομαι = κελεύω εὕδω = καθ-εύδω τὸ βρέφος (neugeborenes) Kind, Kindlein, Säugling 22 ὁ πόντος Meer ἄ-μετρος (2) masslos, unermesslich (τὸ μέτρον Mass) 23 ἡ μεταβο(υ)λία Veränderung 25 θαρσαλέος (3) mutig, beherzt (positiv konnotiert); verwegen, vermessen, frech (negativ konnotiert) 26 νόσφι(ν) (Präp.) (Präp. + Gen.:) ohne 27 συγ-γιγνώσκω τινί jdm. verzeihen (vgl. συγγνώμη) 20

21 3 Mögliche Interpretationsfragen zu Archilochos Frg. 1 und 2: - Welches Ideal wird in diesen Versen gezeichnet? Auf wen bezieht es sich? - Inwiefern kann dieses Ideal als «traditionell» bezeichnet werden? - Für welche gesellschaftliche Schicht schreibt Archilochos? zu Archilochos Frg. 131/132, 130 und 128: - Fassen Sie die Kernaussagen dieser drei Gedichte in eigenen Worten zusammen! - Was ist mit der Aussage ῥυσμὸς ἀνθρώπους ἔχει in 128,7 gemeint? - Die hier vertretene Weltsicht wird zuweilen als «Archaischer Pessimismus» bezeichnet. Inwiefern ist dieser Begriff zutreffend? Inwiefern ist er jedoch auch einseitig? zu Archilochos Frg. 5, 133 und 114: - Welche Idealbilder kritisiert Archilochos in diesen Gedichten? - Setzen Sie diese drei Gedichte mit Frg. 1 und 2 in Beziehung! Was ist festzustellen? - Die Erzeugnisse der frühgriechischen Lyrik werden zuweilen als Zeugnis für das Erwachen der menschlichen Persönlichkeit/Individualität gedeutet. Können Sie mit dieser Auffassung etwas anfangen? zu Archilochos Frg. 13: - Inwiefern ergänzt/modifiziert dieses Gedicht die Aussagen der Fragmente 131, 130 und 128? - Umschreiben Sie, was genau mit τλημοσύνη gemeint sein muss! - Archilochos bietet auch eine Art Gegenbegriff zur τλημοσύνη! Welchen? Was ist wohl konkret damit gemeint? zu Sappho Frg. 1: - Gliedern Sie die vorliegende Ode an Aphrodite in sinnvolle, funktionstragende Einheiten und benennen Sie sie! - Was ist die Funktion der von der Bittstellerin in direkter Rede referierten Worte Aphrodites (Vv )? Warum konfrontiert die Betende die Göttin Aphrodite mit deren eigenen Aussagen? - Wie «argumentiert» die Bittstellerin, um zu bekommen, was sie will? - An welcher Stelle und wodurch genau wird in der Ode klar, dass von einer Liebe von Frau zu Frau (bzw. von Frau zu Mädchen) die Rede ist? Kommentieren Sie! - An welcher Stelle wird die grenzenlose Macht der Liebe ganz deutlich gemacht? - Welche Assoziationen löst der letzte Satz (die Aufforderung σύμμαχος ἔσσο) aus? - Inwiefern könnte man Archilochos Vorstellung vom ῥυσμός des Menschenschicksals auch hierauf übertragen? zu Sappho Frg. 31: - Aus welcher Sichtweise spricht die «Sängerin» (das lyrische Ich) des Gedichts? In welchen Rollen befinden sich der Mann und das Mädchen, von denen die Rede ist? - Warum wird der Mann (der «Zukünftige») des Mädchens als ἴσος θέοισιν bezeichnet? - In welcher Gefühlsverfassung befindet sich das lyrische Ich? - Welche Facetten der Liebe werden in dem Gedicht greifbar? zu Simonides PMG 543: - Charakterisieren Sie die konkrete Situation, die in diesem Fragment evoziert wird! - Zeigen Sie, inwiefern Sinnlich-Konkretes und Gedanklich-Abstraktes miteinander korrespondieren! - Worin besteht Ihrer Meinung nach das Spezielle/Ungewöhnliche dieses Gedichts? 21

22 4 Auswahlbibliographie Die vorliegende Auswahlbibliographie nennt vorzugsweise 1. fachdidaktische Literatur; 2. (deutsch geschriebene) fachwissenschaftliche Literatur von hohem Gebrauchswert; 3. Spezialliteratur zu den behandelten Gedichten. ADKINS, A. W. H.: Poetic Craft in the Early Greek Elegists, Chicago/London 1985 ASSMANN, REINHARD: «Frühgriechische Lyrik im Unterricht», in: AU 5/1964, 5 25 mit wertvollen bibliographischen Angaben zu Übersetzungen und Schulausgaben DE MARTINO, FRANCESCO/VOX, ONOFRICO: Lirica Greca, Bari 1996 (3 Bände) FÜHRER, RUDOLF: Formproblem-Untersuchungen zu den Reden in der frühgriechischen Lyrik, Zetemata 44, München 1967 GÖRGEMANNS, HERWIG: «Zum Ursprung des Begriffs Lyrik», in: M. v. Albrecht/W. Schubert (Hrsg.), Musik und Dichtung. Neue Forschungsbeiträge (Viktor Pöschl zum 80. Geburtstag gewidmet), Frankfurt/Bern 1990, HUTCHINSON, G. O.: Greek Lyric Poetry. A Commentary on Selected Larger Pieces, Oxford 2001 KNÖRRICH, O.: Lexikon lyrischer Formen, Stuttgart 1992 LAMPING, D.: Das lyrische Gedicht. Definitionen zu Theorie und Geschichte der Gattung, Göttingen 1989 LATACZ, JOACHIM: «Realität und Imagination. Eine neue Lyrik-Theorie und Sapphos φαίνεται μοι κῆνος-lied», in: MH 42 (1985) LATACZ, JOACHIM: «Aktuelle Tendenzen der gräzistischen Lyrik-Interpretation», in: Dialog. Klassische Sprachen und Literaturen, Bd. XIX: «Klassische Antike und Gegenwart» (München 1985) LATACZ, JOACHIM: Die griechische Literatur in Text und Darstellung. Bd. 1: Archaische E- poche, Stuttgart 1991 Anthologie mit griechischem Originaltext und deutschen Übersetzungen MERKELBACH, REINHOLD: «Sappho und ihre Mädchen», in: Hestia und Erigone. Vorträge und Aufsätze, Stuttgart 1996 (Erstdruck in: Philologus 101 (1957) 1 29) MUNDING, HEINZ: «Ein nachhomerischer Streit um die wahre areté. Fachwissenschaftliche und didaktische Überlegungen zu Tyrtaios 9 Diehl und Hesiod, Erga », in: AU 5/1984, 5 19 RÖSLER, WOLFGANG: «Die frühe griechische Lyrik und ihre Interpretation. Versuch einer Situationsbeschreibung», in: Poetica 16 (1984) paradigmatisch für die Funktionalitäts-Theorie RÖSLER, WOLFGANG: «Realitätsbezug und Imagination in Sapphos Gedicht ΦΑΙΝΕΤΑΙ ΜΟΙ ΚΗΝΟΣ», in: W. Kullmann/M. Reichel (Hrsg.), Der Übergang von der Mündlichkeit zur Literatur bei den Griechen, Tübingen 1990, RÖSLER, WOLFGANG: «Homoerotik und Initiation: Über Sappho», in: Th. Stemmler (Hrsg.), Homoerotische Lyrik, Tübingen 1992, SCHOLZ-WÜST, ELLEN: «Griechische Chorlyrik als Schullektüre?», in: AU 3/1970, SNELL, BRUNO: «Das Erwachen der Persönlichkeit in der frühgriechischen Lyrik», in: Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen, Göttingen 1975, aus moderner Sicht hochproblematische Deutungen, als Meilenstein der Rezeptionsgeschichte jedoch unübergehbar 22

23 SCHWINGE, ERNST-RICHARD: «Griechische Poesie und die Lehre von der Gattungstrinität in der Moderne», in: A&A 27 (1981) TREU, MAX: Von Homer zur Lyrik. Wandlungen des griechischen Weltbildes im Spiegel der Sprache, München 1955 TZAMALI, EKATERINI: Syntax und Stil bei Sappho, Münchener Studien zur Sprachwissenschaft, Beiheft 16, Dettelbach 1996 wichtig für das Sprachliche, auch interpretatorisch interessant Eine nützliche erste Einführung bietet ausserdem: HOSE, MARTIN: Kleine griechische Literaturgeschichte. Von Homer bis zum Ende der Antike, München 1999, mit wertvollen bibliographischen Angaben Mannigfache Anregungen erwuchsen im Übrigen aus der Lyrik-Überblicksvorlesung, die Professor Christoph Riedweg im Sommersemester 2001 an der Universität Zürich gehalten hat. Die entsprechenden Unterlagen (Handouts und handschriftliche Vorlesungsnotizen) können auf Wunsch beim Verfasser eingesehen werden. 23

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