»Schön ist es, für das Vaterland zu sterben«von der Kriegselegie über die Epigramme zum Epitaphios Logos

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1 Uni FR 1 Vorlesung»Schön ist es, für das Vaterland zu sterben«von der Kriegselegie über die Epigramme zum Epitaphios Logos dulce et decorum est pro patria mori»angenehm und schön ist es, für das Vaterland zu sterben«: So lesen wir es bei Horaz in seiner dritten Ode (3,2,13), einem Gedicht auf. Dem in der Dichtkunst geschulten römischen Zuhörer dürfte kaum entgangen sein, dass hinter dieser Sentenz ein griechisches Vorbild steckte, nämlich die frühgriechische Elegie von Tyrtaios. Bei diesem liest man nämlich (eleg. 10, 1 2 W.) : τεθνάμεναι γὰρ καλὸν ἐνὶ προμάχοισι πεσόντα ἄνδρ ἀγαθὸν περὶ ἧι πατρίδι μαρνάμενον Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger im vordersten Treffen Für das Vaterland ficht und für das Vaterland stirbt! Chr. zu Stolberg Überhaupt ist das Gedicht des Horaz mit Reminiszenzen aus der frühgriechischen Lyrik durchsetzt. So sind z.b. V. 14 wie auch V. 25 Entlehnungen aus Simonides (F 22, Poltera) : ὁ δ αὖ θάνατος κίχε καὶ φυγαίχμαν. Der Tod ereilt auch denjenigen, der der Lanze entrann. ἔστι καὶ σιγῆς ἀκίνδυνον γέρας. Es gibt das ungefährliche Geschenk des Schweigens. Diese Reminiszenzen scheinen nicht zufällig zu sein : Mit Tyrtaios evoziert Horaz den Vertreter der Kriegselegie schlechthin, mit Simonides andererseits den berühmtesten Epigrammatiker der Perserkriegszeit (vgl. Herodot, 7, 228 und Page, Epigrammata Graeca, [= Simon. V XIX]) ; jüngst sind vom Keer auch umfangreichere Stücke aus Elegien auf den griechischen Erfolg bei Plataiai (gegen den persischen Heerführer Mardonios, 479 v. Chr.) auf Papyrusresten zum Vorschein gekommen und von Peter Parsons mit wegweisender kritischer Mitarbeit von Martin West publiziert worden. Wir werden darauf zurückkommen. Die frühesten expliziten Bezeugungen für die Idee des Opfertodes für das Vaterland stammen aus der frühgriechischen Elegie. Diese Sichtweise scheint jedoch nur eine Weiterentwicklung dessen, was schon in der Ilias vorgezeichnet ist (vgl. Steinrück, Iambos 98 99). Denn Achilleus hat die Wahl zwischen einem langen aber ruhmlosen Leben oder eben einem ruhmreichen, indem er für die Griechen stirbt und im Heldengesang weiterlebt. Agamemnon stellt ihm auch eine Heirat nach dem Krieg in Aussicht, was Achilleus zunächst ausschlägt. Wenn er dann trotzdem in den Krieg eingreift, um seinen Freund Patroklos zu rächen ( Ruhm des Vaters ), schlüpft er in die Rolle, den die Stadt normalerweise für die jungen (unverheirateten) Männer vorgesehen hat : Kampf und damit Statusveränderung, indem sie timè und den Namen Mann erhalten, da sie gegen Männer kämpfen. Sollten sie überleben, kehren sie als Held nach Hause zurück, um vielleicht eine der Wittwen zu heiraten. Die Stadt jedoch zieht ihren Opfertod vor, den damit überleben sie im Andenken, das, wie Martin Steinrück es formuliert,»ein Stück kollektiver Liebe für die bisher Ausgeschlossenen«darstellt. Bevor wir auf den Inhalt der Kriegselegien von Callinos und Tyraios eingehen wollen, gilt es, das dichterische Genus näher zu beleuchten. Den folgenden Ausführungen liegt Antonio Alonis Darstellung der Elegie im Cambridge Companion to Greek Lyric, zugrunde, ergänzt durch verschiedene andere (auch von ihm verwendete) Forschungsbeiträge.

2 Uni FR 2 Vorlesung Es gibt drei griechische Wörter, mit denen solche Gedichte bezeichnet werden : ὁ ἔλεγος, ἡ ἐλεγεία und τὸ ἐλεγεῖον. Die älteste Bezeugung stammt aus einer Inschrift, die Pausanias dem Arkader Echembrotos zuschreibt. Dieser soll im Flötenspiel an den pythischen Spielen von 586 v. Chr. den Sieg davongetragen und dafür einen Dreifuss geweiht haben (10, 7, 5 6) : ἡ γὰρ αὐλῳδία μέλη τε ἦν αὐλῶν τὰ σκυθρωπότατα καὶ ἐλεγεῖα προσᾳδόμενα τοῖς αὐλοῖς. μαρτυρεῖ δέ μοι καὶ τοῦ Ἐχεμβρότου τὸ ἀνάθημα, τρίπους χαλκοῦς ἀνατεθεὶς τῷ Ἡρακλεῖ τῷ ἐν Θήβαις ἐπίγραμμα δὲ ὁ τρίπους εἶχεν Ἐχέμβροτος Ἀρκὰς θῆκε τῷ Ἡρακλεῖ νικήσας τόδ ἄγαλμ ἀμφικτυόνων ἐν ἀέθλοις, Ἕλλησι δ ἀείδων μέλεα καὶ ἐλέγους. Der Gesang zur Flöte bestand aus den düstersten Flötenmelodien und aus Trauergesängen, die zur Flöte gesungen wurden. Dies bezeugt mir auch das Weihegeschenk des Echembrotos, ein bronzener Dreifuss, dem thebanischen Herakles geweiht. Der Dreifuss trug folgende Inschrift: Der Arkader Echembrotos weihte dem Herakles dieses Prunkstück nach dem Sieg am Wettkampf der Umwohner, wo er den Griechen Lieder und Elegien sang. Die ἐλέγους deutet Pausanias als Trauergesänge mit Flötenbegleitung, was zumindest damit übereinstimmen würde, dass das elegische Distichon, also der Zweizweiler bestehend aus einem Hexameter und einem Pentameter, das Versmass der Grabinschriften schlechthin darzustellen scheint. Mit ἐλεγεῖον wird seit dem fünften Jahrhundert v. Chr. allgemein das elegische Distichon bezeichnet, während der Plural τὰ ἐλεγεῖα sich auf die Dichtungen im elegischen Versmass bezieht. Das Femininum ἡ ἐλεγεία entspricht weitgehend dem, was wir heute unter Elegie verstehen, nämlich sowohl das Gedicht als auch das Genus, während der Plural αἱ ἐλεγεῖαι wiederum ein Gedicht bezeichnet, das aus elegischen Distichen besteht (also wie τὰ ἐλεγεῖα). Elegien gehören hauptsächlich zwei Bereichen an, dem privaten oder symposialen und dem öffentlichen Bereich. Die Elegie, die im Symposium vorgetragen wird, ist kürzer und im allgemeinen von der Flöte begleitet. Dies geht eindeutig aus einer Stelle bei Theognis hervor (v ) : σοὶ μὲν ἐγὼ πτέρ ἔδωκα, σὺν οἷσ ἐπ ἀπείρονα πόντον πωτήσηι, κατὰ γῆν πᾶσαν ἀειρόμενος ῥηϊδίως θοίνηις δὲ καὶ εἰλαπίνηισι παρέσσηι ἐν πάσαις πολλῶν κείμενος ἐν στόμασιν, καί σε σὺν αὐλίσκοισι λιγυφθόγγοις νέοι ἄνδρες εὐκόσμως ἐρατοὶ καλά τε καὶ λιγέα ἄισονται. Dir gab ich Flügel, die dich über das unendliche Meer tragen,hoch über der weiten Erde, ganz leicht. Du nimmst an Festschmäusen und Gelagen teil und dein Name ist in aller Munde. Unter Begleitung von helltönenden Flöten singen anmutige Jünglinge harmonisch dein Lob mit schön klingenden Worten. Die Lyra ist deshalb aber nicht aus dem Symposion verbannt, ja Aulos und Lyra können sich abwechseln (v ) : αἰεί μοι φίλον ἦτορ ἰαίνεται, ὁππότ ἀκούσω αὐλῶν φθεγγομένων ἱμερόεσσαν ὄπα. χαίρω δ εὖ πίνων καὶ ὑπ αὐλητῆρος ἀκούων, χαίρω δ εὔφθογγον χερσὶ λύρην ὀχέων. Mein Herz hüpft jedesmal auf, wenn ich die lieblichen Klänge der laut tönenden Flöten höre. Ich trinke wohl und lausche vergnügt dem Flötenspieler, es ergötzt mich, die wohlklingende Lyra in den Händen zu halten. In diesen Versen fehlt jedoch eine Angabe zur Gedichtart, die jeweils vom entsprechenden Instrument begleitet wird. Die öffentliche Elegie kennen wir hauptsächlich aus Titeln wie Mimnermos Smyrneis, Semonides Archäologie von Samos oder Xenophanes Gedicht über die Gründung von

3 Uni FR 3 Vorlesung Kolophon und die Kolonisation von Elea. Seit der Publikation der Simonidesfragmente von 1992 wissen wir, dass sie lange narrative Partien enthält ; gleichzeitig steht sie dem Preislied und der Exhortation nahe, ja sie kann sogar Züge eines Trauerlieds annehmen. Auch dieser Typ von Elegien scheint von der Flöte begleitet gewesen sein, wenngleich die narrativen Teile eine musikalische Untermalung mit der Lyra nicht völlig ausschliessen. Zur vorgestellten Rezitation der Elegien des Tyrtaios vor dem Zelt des Königs durch die spartanische Armee kommen wir unten zu sprechen. Gehen wir nun über zur sympotischen Elegie, also derjenigen Variante, die in privatem Kreise beim Trank geübt wurde. Der älteste ionische Dichter, den wir kennen, ist Callinos aus Ephesos ; er ist wohl um die Mitte des 7. Jh. v. Chr. anzusetzen. Callinos stammt also aus dem ionischen Raum Kleinasiens. Insgesamt sind von ihm nur 25 Verse erhalten, wobei das lange Fragment mit kriegerischer Aufmunterung immerhin 21 Verse den Hauptanteil davon ausmacht. Leider zitiert Stobaios nicht das ganze Gedicht, sondern lässt eine Lücke nach dem hortativen Proömium. Das erschwert das Verständnis beträchtlich, und wir sind deshalb gut beraten, einen Umweg über einen anderen grossen Elegiker in Kauf zu nehmen, der das Thema des Opfertodes für das Vaterland aufnimmt und vertieft. Er wird uns helfen, das Gedicht von Callinos besser verstehen und damit auch besser in die archaische Gesellschaft einordnen zu können. Spartas sympotische Tradition ist alt und darf nicht auf die paramilitärischen Syssitien (das gemeinsame Mal der Spartaner, der in Sparta tonangebenden Elite) beschränkt werden. Bei Alkman ist nämlich einmal die Rede von klinai, was auf die private Art des Symposiums hinweist. Dort wurden zunächst melische und kitharodische Gesänge vorgetragen, die mit den Namen von Terpander und Alkmans verbunden sind. Das Auftreten der Elegie in Sparta steht im Zusammenhang mit sozio-politischen Gegebenheiten : Sie ist das Medium einer Ideologie, die sich auf die Hoplitenarmee stützt, wie sie zumal im ionischen Raum bereits bekannt ist. In Sparta ist diese militärische Ordnung neu : Sie entstand wegen des zweiten messenischen Krieges. Tyrtaios gibt ihr die heroische Dimension. Das meiste, was wir von diesem Dichter wissen, hält der historischen Kritik nicht stand. Als Beispiel sei hier seine vermeintliche ionische Herkunft genannt (test. 8 G-P). Das ist genusinhärent, wurde aber von den Alten wegen des in Sparta gesprochenen dorischen Dialekts und des daraus entstehenden sprachlichen Gegensatzes für die später entstandene (aus dem erhaltenen Werk selbst hergeleitete) Biographie des Dichters genutzt. Doch schon vorher wurde der im 4. Jh. v. Chr. in Attika offensichtlich noch populäre Dichter von Platon als aus Athen stammend dargestellt (Leg. I, 629a). Dahinter vermutet man jedoch philosophische Konstruktion : Platons Idealstaat ist eine Mixture aus Athen und Sparta. Jedenfalls soll Tyrtaios wie die meisten der im Sparta des 7. Jh. v. Chr. aktiven Dichter von Aussen gekommen sein (wie Terpander [aus Lesbos], Thaletas [Gortyn, Kreta], Alkman [Sardes] oder Polymnestos [Kolophon], um nur einige berühmte Namen zu nennen). Ob er in Sparta wichtige militärische Funktionen innegehabt hat Diodor und Athenaios sprechen von einem General, wohl aufbauend auf Strabon, der behauptet, Tyrtaios habe die Spartaner im zweiten messenischen Krieg angeführt muss offen bleiben, kann dies doch alles aus den Gedichten selbst erschlossen sein. Während jedoch alle anderen Dichter seiner Zeit in Sparta Chorlieder dichteten, bleibt er der einzige, der der Kriegselegie frönt und damit eine Art Sprachrohr der herrschenden Klasse ist. Das dürfte wohl kaum einem Fremden gelungen sein.

4 Uni FR 4 Vorlesung Wie Bowie in einem Aufsatz festhält (Miles ludens), sind die exhortativen Elegien von Callinos und Tyrtaios nicht als unmittelbar einer Schlacht vorausgehend zu verstehen. Die beiden einzigen Stellen, an denen das Temporaladverb νῦν auftaucht, scheint es sich nicht auf eine bestimmte Aktion zu beziehen, sondern den allgemeinen Zustand einer städtischen Gesellschaft zu einem vermutlich kritischen Zeitpunkt auszudrücken. Dass nämlich die Elegien von Tyrtaios tatsächlich im Bankett gesungen wurden, geht auch aus einem Fragment des Philochoros hervor (FHG I 393) : Φιλόχορος δέ φησιν κρατήσαντας Λακεδαιμονίους Μεσσηνίων διὰ τὴν Τυρταίου στρατηγίαν ἐν ταῖς στρατείαις ἔθος ποιήσασθαι, ἂν δειπνοποιήσωνται καὶ παιωνίσωσιν, ᾄδειν καθ ἕνα τὰ Τυρταίου κρίνειν δὲ τὸν πολέμαρχον καὶ ἆθλον διδόναι τῷ νικῶντι κρέας. Philochoros erzählt, dass die Spartaner, nachdem sie die Messenier unter Führung von Tyrtaios überwunden hatten, während ihrer Feldzüge die Sitte einführten, dass sie, einmal das Mahl beendet und den Paian gesungen, einer nach dem anderen Elegien von Tyrtaios vortrugen. Der Polemarch amtete als Schiedsrichter und gab dem Sieger als Preis Fleisch. Sicherlich ist nicht alles, was Philochoros hier sagt, für bare Münze zu nehmen, doch darf man davon ausgehen, dass das Singen von Elegien des Tyrtaios in Sparta Tradition hatte. Das geht schon daraus hervor, dass lakonische, im Symposion gesungene Elegienteile in den Theognidea zu finden sind (z.b ). Das scheint zu bedeuten, dass selbst Exhortationen zum Krieg in zivilen Symposien ihren Platz fanden. Tyrtaios ist also der herausragende Dichter des zweiten Messenischen Krieges, der mit der Unterwerfung und Versklavung des westlichen Nachbarn der Spartaner endete. Dieser Krieg wird gemeinhin für die Jahre angesetzt, womit Tyrtaios floruit kurz nach 650 zu liegen käme. Von seinen ursprünglich fünf Büchern mit Elegien (soviel haben die alexandrinischen Grammatiker zusammengetragen, u.a. die als ὑποθήκας δι ἐλεγείας kriegerischer Aufmunterung und μέλη ἐμβατήρια Marschliedern, vgl. Ath. 14,29 πολεμικοὶ δ εἰσὶν οἱ Λάκωνες, ὧν καὶ οἱ υἱοὶ τὰ ἐμβατήρια μέλη ἀναλαμβάνουσιν, ἅπερ καὶ ἐνόπλια καλεῖται) sind 143 ganze elegische Verse erhalten (71 hex, 72 pent). Damit kann man doch schon einige Beobachtungen machen, die gewisse Tendenzen erkennnen lassen, z.b. dass 101 Zeilen am Schluss und nur gerade 29 innerhalb der Zeile interpungiert sind. Das unterscheidet ihn doch beträchtlich von Callinos oder Archilochos, auch wenn es zu beachten gilt, dass wir gerade von Callinos nur über sehr wenige Verse verfügen. Nichtdestoweniger sind diese Zahlen aussagekräftig, da eine Detailanalyse der syntaktischen Struktur aufzeigen wird, dass Tyrtaios das Distichon eindeutig weniger frei gestaltet als dies z.b. bei Callinos der Fall ist. Ob das als qualitativ minder betrachtet werden kann (so Adkins, p. 67), möchte ich offen lassen. Es kann sich ja auch einfach um einen anderen, von den Spartanern vielleicht sogar geschätzteren Stil handeln, falls es erlaubt ist, Rhythmus und Aussage als komplementär zu betrachten (und dies scheint mir sehr wohl der Fall zu sein). Tyrtaios, eleg. 10 W. 2 (Übersetzung M. Steinrück) 5 τεθνάμεναι γὰρ καλὸν ἐνὶ προμάχοισι πεσόντα ἄνδρ ἀγαθὸν περὶ ἧι πατρίδι μαρνάμενον τὴν δ αὐτοῦ προλιπόντα πόλιν καὶ πίονας ἀγροὺς πτωχεύειν πάντων ἔστ ἀνιηρότατον, πλαζόμενον σὺν μητρὶ φίληι καὶ πατρὶ γέροντι παισί τε σὺν μικροῖς κουριδίηι τ ἀλόχωι. ἐχθρὸς μὲν γὰρ τοῖσι μετέσσεται οὕς κεν ἵκηται, χρησμοσύνηι τ εἴκων καὶ στυγερῆι πενίηι, Totsein ist schön, wenn einer im Kampf an vordester Front fällt und als guter Mann um seine Vaterstadt kämpft. Seine Stadt zu verlassen und ihre fruchtbaren Äcker, um dann in Armut zu sein, ist doch das Schlimmste an Schmerz, rumzuziehn mit der Mutter, der lieben, und seinem Vater, kleinen Kindern dazu und mit der Ehefrau auch, wo er nur hinkommt, als Feind, so werden die Leut ihn behandeln. Langsam erdrückt ihn die Not, Armut, die niemand gefällt, [sehn,

5 Uni FR 5 Vorlesung αἰσχύνει τε γένος, κατὰ δ ἀγλαὸν εἶδος ἐλέγχει, πᾶσα δ ἀτιμίη καὶ κακότης ἕπεται. εἰ δ οὕτως ἀνδρός τοι ἀλωμένου οὐδεμί ὤρη γίνεται οὔτ αἰδὼς οὔτ ὀπίσω γένεος, θυμῶι γῆς πέρι τῆσδε μαχώμεθα καὶ περὶ παίδων θνήσκωμεν ψυχέων μηκέτι φειδόμενοι. ὦ νέοι, ἀλλὰ μάχεσθε παρ ἀλλήλοισι μένοντες, μηδὲ φυγῆς αἰσχρῆς ἄρχετε μηδὲ φόβου, ἀλλὰ μέγαν ποιεῖτε καὶ ἄλκιμον ἐν φρεσὶ θυμόν, μηδὲ φιλοψυχεῖτ ἀνδράσι μαρνάμενοι τοὺς δὲ παλαιοτέρους, ὧν οὐκέτι γούνατ ἐλαφρά, μὴ καταλείποντες φεύγετε, τοὺς γεραιούς. αἰσχρὸν γὰρ δὴ τοῦτο, μετὰ προμάχοισι πεσόντα κεῖσθαι πρόσθε νέων ἄνδρα παλαιότερον, ἤδη λευκὸν ἔχοντα κάρη πολιόν τε γένειον, θυμὸν ἀποπνείοντ ἄλκιμον ἐν κονίηι, αἱματόεντ αἰδοῖα φίλαις ἐν χερσὶν ἔχοντα αἰσχρὰ τά γ ὀφθαλμοῖς καὶ νεμεσητὸν ἰδεῖν, καὶ χρόα γυμνωθέντα νέοισι δὲ πάντ ἐπέοικεν, ὄφρ ἐρατῆς ἥβης ἀγλαὸν ἄνθος ἔχηι, ἀνδράσι μὲν θηητὸς ἰδεῖν, ἐρατὸς δὲ γυναιξὶ ζωὸς ἐών, καλὸς δ ἐν προμάχοισι πεσών. ἀλλά τις εὖ διαβὰς μενέτω ποσὶν ἀμφοτέροισι στηριχθεὶς ἐπὶ γῆς, χεῖλος ὀδοῦσι δακών. bringt in Verruf seine Herkunft, zeugt gegen sein blendendes Aushat auch kein Amt, er gehört schliesslich der Unterschicht an. Wenn ein Mann ohne Wohnsitz so keine Achtung mehr findet, keine Rücksicht für ihn, und es den Nachkommen bleibt, gehn wir doch willig zur Schlacht, und lasst uns fürs Land, für die Kinder sterben, das Leben jedoch haben genug wir geschont. Junge, so kämpft und bleibt beharrlich im Kampfe zusammen, löst nicht den Rückzug aus oder die schmähliche Flucht! Sondern macht ihn gross, euren Mut, und wehrhaft im Herzen, Und euer Leben, vergesst s, wenn ihr mit Männern dann kämpft! Aber die Älteren dort, deren Kniee nicht mehr so flink sind, lasst ihr Jüngeren nicht, Alte, beim Rückzug allein. Hässlich sieht s nämlich aus, wenn einer in vordester Front fällt und dort bleibt, noch vor Jüngern, ein älterer Mann, dessen Haare schon weiss sind und grau schon etwas der Kinnbart, wie er ihn auskeucht, den Mut, wehrhaften Mut, da im Staub und mit den Händen hält sein blutüberströmtes Geschlechtsteil hässlich ist das fürs Aug und revoltierend zu sehn und seinen nackten Körper. Das alles ziert einen Jungen, wenn er der Jugend Reiz strahlende Blüte noch hat: Männer können den Blick nicht wenden, Frauen die Sehnsucht, lebt er noch, schön aber ist erst er gefallen ganz vorn. Also: die Beine breit gespreizt, so soll man verharren, in die Erde gepflanzt beiss auf die Lippen man fest. Die Gelehrten sind sich nicht einig, ob ein einziges oder vielleicht zwei Gedichte vorliegen. In letzterem Fall legen sie den Einschnitt bei v. 15 fest. Andere wiederum erkennen im Fragment eine Dreiteilung in Dekaden (1 10, 11 20, 21 30) Wir werden die Einheit des Gedichts postulieren, sind uns aber durchaus bewusst, dass v. 1 mit der Partikel γάρ als Gedichtbeginn anfechtbar ist, obwohl gerade in gnomischen Aussagen am Anfang einer Elegie gern solche ansonsten als Fortsetzungspartikel bekannte Wörter stehen. Das letzte Distichon des Gedichts liegt nun zweimal in identischer Form vor, was auf ein Überlieferungsproblem hinweisen könnte. Ist vielleicht 11, hieherzuziehen? All dies ändert jedoch nichts daran, dass die inhaltliche Dichotomie offenbar ein Markenzeichen der exhortativen Elegie darstellt. Steinrück (Iambos 101 2) möchte eine doppelte Ringkomposition erkennen : Zuerst werde die These Man muss selbstlos für die Vaterstadt kämpfen wiederholt (v. 1 2 / v ). Zwischen diese beiden programmatischen Distiche sei die Negativfolie geschoben : Der Verlust aller Achtung und Ehre (v ), ja sogar Verbannung (v. 3 ; diese ist wohl eher als Drohung zu verstehen denn als Realität zu nehmen). Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe hier der verheiratete Mann (Ehefrau und Kinder werden genannt). Mit ὦ νέοι und dem exhortativen ἀλλὰ (v ) werde sodann der junge Krieger dem Älteren gegenübergestellt. In v. 31 werde die Idee des Verharrens dann wiederum wörtlich aufgenommen (μενέτω) und damit eine zweite Ringkomposition abgerundet. Dieser zweite Teil sei ganz den unverheirateten Jungen gewidmet ; der Tod sei dabei Heiratsersatz. Diesen Zug haben wir ja bereits in der Ilias vorgefunden, und zwar in der Figur von Achilleus. Steinrück sieht also in diesem Tyrtaios-Fragment eine klare Dichotomie.

6 Uni FR 6 Vorlesung Wie Faraone jedoch aufzeigt, aufbauend auf Weil und Rossi, ist die strophische Gestaltung in Dekaden vorherrschend. Dies ist nicht nur inhaltlich zu spüren 1. Strophe : Der Tod in der Schlacht ist ehrenvoller als das Herumirren des Feigen (5 Distiche) ; 2. Strophe : Aufmunterung an die jungen Kämpfer, sich mutig der Schlacht zu stellen ; 3. Strophe : Wiederaufnahme des Themas des ehrenvollen Todes mit ethischen Kriterien, sondern schlägt sich auch sprachlich nieder : v. 1 enthält die Partikel γάρ, v. 11 die Partikel τοι, zudem finden sich zwei hortative Konjunktive der 1. Pers. Pl. und fünf Imperative der 2. Pers. Pl. Den Partizipien im Akk. Sg. des ersten Teils (1 πεσόντα, 2 μαρνάμενον, 3 προλιπόντα, 5 πλαζόμενον) stehen in der zweiten Strophe solche im Nominativ Plural gegenüber, und zwar wiederum abwechselnd aktiv und medium, jedoch chiastisch angeordnet (14 φειδόμενοι, 15 μένοντες, 18 μαρνάμενοι, 20 καταλείποντες). Die letzten beiden (18 μαρνάμενοι, 20 καταλείποντες) antworten gleichzeitig antithetisch, d.h. positiv auf die Partizipien zu Beginn (2 μαρνάμενον, 3 προλιπόντα). Hier liegt also die Ringkomposition, und an der Scharnierstelle zwischen den beiden Strophen nimmt die Protasis εἰ δ οὕτως die breitausgeführte Schmach des Feigen auf, um sogleich zur Aufforderung des nötigen Altruismus überzugehen. Schliesslich nimmt v. 21 dann wörtlich den Versschluss von v. 1 auf, um Schande und Ehre antithetisch auszuleuchten, wiederum begleitet von der Partikel γάρ (diesmal verstärkt mit δή). Der Schluss des v. 30 (καλὸς δ ἐν προμάχοισι πεσών) nimmt das zu Gedichtbeginn angezogene Thema fast wörtlich auf und bildet somit eine weitere, umfassende Ringkomposition. Dabei steht iambisches καλός (v. 30) trochäischem καλόν (v. 1) gegenüber. In dieser dritten Strophe wird der Blick zudem auf die Körper der Alten und der Jungen gelenkt, und zwar mit ähnlichen Konstruktionen : v. 26 αἰσχρὰ τά γ ὀφθαλμοῖς καὶ νεμεσητὸν ἰδεῖν steht v. 29 ἀνδράσι μὲν θηητὸς ἰδεῖν, ἐρατὸς δὲ γυναιξὶ gegenüber. Erneut arbeitet Tyrtaios mit Partizipien : fünf, die sich auf den schamlos preisgegebenen Alten beziehen (alle im Akkusativ : 21 πεσόντα, 23 ἔχοντα, 24 ἀποπνείοντ, 25 ἔχοντα, 27 γυμνωθέντα) und nur gerade zwei, die sich auf den edlen Körper des Jungen beziehen (im Nominativ : 30 ἐών, πεσών). Diese Betrachtungen zeigen doch ziemlich deutlich auf, dass formal eine Dreigliederung vorliegt, auch wenn inhaltlich nur Alt und Jung sowie die sich darauf beziehende ethische Antithese hässlich und schön eingehender behandelt wird. Strophe 1 und Strophe 3 (mit der Partikel γάρ) sind solchen Überlegungen gewidmet, während Strophe 2 die eigentliche Exhortation enthält (Partikel τοι). Zusätzliche Echos lenken die Aufmerksamkeit auf den Beginn der beiden meditativen Teile sowie auf den Schluss des zweiten : τεθνάμεναι γὰρ καλὸν ἐνὶ προμάχοισι πεσόντα αἰσχρὸν γὰρ δὴ τοῦτο, μετὰ προμάχοισι πεσόντα ζωὸς ἐών, καλὸς δ ἐν προμάχοισι πεσών Es entsteht damit die wohl nicht zufällige Abfolge v. 1 καλόν v. 21 αἰσχρόν v. 30 καλός, womit die Einheit dieser Elegie unterstrichen wird. Was ist nun mit dem überzähligen Distichon v zu tun? Zwei Zeugen aus dem 4. Jh. v. Chr., Lykurg (der das Gedicht zitiert) und Platon (leg. 1, 630 b) kennen es in der uns überkommenen Form. Ἡμεῖς δέ γε ἀγαθῶν ὄντων τούτων ἔτι φαμὲν ἀμείνους εἶναι καὶ πολὺ τοὺς ἐν τῷ μεγίστῳ πολέμῳ γιγνομένους ἀρίστους διαφανῶς ποιητὴν δὲ καὶ ἡμεῖς μάρτυρ ἔχομεν, Θέογνιν, πολίτην τῶν ἐν Σικελίᾳ Μεγαρέων, ὅς φησιν Wir aber behaupten, obwohl dies tapfere Männer sind, dass doch diejenigen noch tapferer sind, und zwar um vieles, die sich in dem grössten Krieg als die Tapfersten hervortun. Einen Dichter haben aber auch wir zum Zeugen, den Theognis, einen Mitbürger der Megarer in Sizilien, welcher sagt :

7 Uni FR 7 Vorlesung πιστὸς ἀνὴρ χρυσοῦ τε καὶ ἀργύρου ἀντερύσασθαι ἄξιος ἐν χαλεπῇ, Κύρνε, διχοστασίῃ. τοῦτον δή φαμεν ἐν πολέμῳ χαλεπωτέρῳ ἀμείνονα ἐκείνου πάμπολυ γίγνεσθαι, σχεδὸν ὅσον ἀμείνων δικαιοσύνη καὶ σωφροσύνη καὶ φρόνησις εἰς ταὐτὸν ἐλθοῦσαι μετ ἀνδρείας, αὐτῆς μόνης ἀνδρείας. πιστὸς μὲν γὰρ καὶ ὑγιὴς ἐν στάσεσιν οὐκ ἄν ποτε γένοιτο ἄνευ συμπάσης ἀρετῆς διαβάντες δ εὖ καὶ μαχόμενοι ἐθέλοντες ἀποθνῄσκειν ἐν ᾧ πολέμῳ φράζει Τύρταιος τῶν μισθοφόρων εἰσὶν πάμπολλοι, ὧν οἱ πλεῖστοι γίγνονται θρασεῖς καὶ ἄδικοι καὶ ὑβρισταὶ καὶ ἀφρονέστατοι σχεδὸν ἁπάντων, ἐκτὸς δή τινων εὖ μάλα ὀλίγων. Aufgewogen zu werden verdienet mit Gold und mit Silber, wer als treu sich erweist, Kyrnos, im schrecklichen Zwist. Von diesem nun behaupten wir, dass er sich in einem schrecklicheren Krieg um sehr vieles besser erweist als jener, und zwar ungefähr um so viel, wie Gerechtigkeit, Besonnenheit und Einsicht vereint mit Tapferkeit besser sind als die blosse Tapferkeit allein. Denn treu und lauter wird er sich in Zeiten des Bürgerzwists wohl niemals erweisen können ohne die gesamte Tugend; Leute aber, die fest auf die Füsse gestemmt und kämpfend zu sterben bereit sind in dem Krieg, von dem Tyrtaios spricht, gibt es unter den Söldnern sehr viele, von denen die meisten verwegen, ungerecht, übermütig und fast die unvernünftigsten von allen Menschen sind, ausgenommen nur ganz wenige. Inhaltlich und formal fügen sich diese beiden Verse recht gut ein : mit μενέτω wird die Idee des Verharrens (v. 15) wörtlich aufgenommen und damit die dort erfolgte Exhortation zusammenfassend an den Schluss gestellt. μενέτω wird sublimiert durch στηριχθεὶς ἐπὶ γῆς, das den ganzen ersten Teil des Pentameters einnimmt (wiederum chiastisch abgerundet durch das Partizip δακών am Schluss). Und der Imperativ der dritten Person Singular wird von drei Partizipien umrahmt, einen Zug, den wir schon in den ersten drei Strophen immer wieder beobachten konnten. Nun erscheinen diese Verse mit identischem Wortlaut in einer anderen, von Stobaios zitierten Elegie (11, 21 22). Die Sequenz ist dort durch weitere drei Distiche erweitert, die das Motiv breiter ausführen : Wir haben also insgesamt 8 Verse. Da Platon und Lykurg nur die ersten beiden zu kennen scheinen, könnte es sich hier um eine Übernahme aus der anderen Elegie handeln, denn ein Eigenzitat, wie es Adkins oder West annehmen, mag nicht richtig zu überzeugen. Da Elegien im Symposion gesungen wurden und jene von Tyrtaios auch im 4. Jh. v. Chr. noch populär waren, könnte diese Übernahme der doch recht freien Gestaltungsmöglichkeit bekannter Gedicht in jener Zeit anzulasten sein und stammte damit nicht von Tyrtaios selbst. Zeilenkommentar v. 1 2 Interessant ist die lautliche Gestaltung mit den Assonanzen καλόν (trochäische Zäsur), ἀγαθόν (ohne metrische Funktion) und μαρνάμενον (Distichonende). Zusammen mit τεθνάμεναι (Distichonbeginn) bildet es den metrisch-semantischen Rahmen der Aussage. v. 3 4 Dieses Distichon ist gekennzeichnet durch die repetive Alliteration auf π : προλιπόντα πόλιν, πίονας, πτωχεύειν, πάντων, was mit dem zweiten Teil des Pentameters als das Schlimmste herausgestrichen wird, wobei πάντων eine syntaktische Spannung erzeugt. v. 5 6 Lautlich sehr effizient sind die Assonanzen auf ι : μητρὶ, πατρὶ γέροντι, παισί (fast schmerzvoll für die Ohren) die in das von dunkeln Vokalen beherrschte ἀλόχωι münden. v Das erste Distichon wird durch die beiden hortativen Konjunktive μαχώμεθα (ergänzt durch γῆς πέρι τῆσδε, also eine Variante von v. 2 περὶ ἧι πατρίδι) und θνήσκωμεν chiastisch aufgenommen und zum Abschluss geführt. Damit gäbe es einen Zwischenteil, der genau eine Dekade einnimmt (es läge also einmal mehr das strophische Prinzip der Dekade vor). Was zuerst als fertiger Satz erscheint (v. 13), wird durch den folgenden Pentameter und dem Verb am Versbeginn rhetorisch effizient moduliert. Der Pentameter ist im übrigen genau gleich konstruiert wie v. 4 : Verb, Genetivattribut, Adjektiv / Partizip.

8 Uni FR 8 Vorlesung v Mit ὦ νέοι und dem exhortativen ἀλλὰ wird Jung und Alt gegenübergestellt. Der zentrale Begriff des Verharrens steht dabei an betonter Stelle (Hexameterende) und die Alliteration von φυγῆς und φόβου streicht die Komplementarität der negativen Komponente im Sinne einer Art Hendiadyoin heraus (interessant sind hier die vokalisch-konsonantischen Anklänge in teils chiastischer Form zwischen αἰσχρῆς und ἄρχετε). v Zweimaliger Aufforderung mit exhortativem ἀλλά folgt jeweils ein negativer Pentameter (μηδέ). Auch beim dritten Distichon ist der Pentameter negativ gehalten. v Umrahmt wird die Aussage vom Akkusativobjekt, gesplittet in zwei nominalisierte Adjektive (τοὺς δὲ παλαιοτέρους / τοὺς γεραιούς) mit semantischer Steigerung (Ältere / Greise) : die Reliefstellung verleiht Nachdruck. v Neu an der Gegenüberstellung von schön und hässlich ist, dass Tyrtaios die Begriffe nicht einfach im übertragenen, sondern auch im ästhetischen Sinn anwendet, und zwar mit Bezug auf das Verhalten des Tapferen und des Feigen (ausformuliert in eleg. 11, 19 ; vgl. Hoffmann, Ethische Terminologie 124). v Hier liegt ein semantisches Hyperbaton vor : der Infinitiv κεῖσθαι, der das Subjekt erst vervollständigt, eröffnet den Pentameter, was ihm zusätzliches Relief verleiht. Ebenso eröffnet αἰσχρόν (v. 21) bzw. schliesst ἄνδρα παλαιότερον (v. 22) das Distichon, was ihnen dieselbe Reliefstellung zusichert. v Die Aufzählung des Hässlichen, die sich an αἰσχρὸν γὰρ δὴ τοῦτο reiht, umfasst sechs Verse und endet genau an derselben Zäsur, nämlich der trochäischen. Man kann damit gleichsam so weiterdenken : v. 21 / v. 27 αἰσχρὸν γὰρ δὴ τοῦτο, / νέοισι δὲ πάντ ἐπέοικεν. v Neu erscheint nunmehr die erotische Komponente, die den Blick auf die heroische Jugendlichkeit fixiert. Kehren wir nun zu Callinos und seiner berühmten Elegie zum selben Thema zurück. Callinos, eleg. 1 W μέχρις τέο κατάκεισθε; κότ ἄλκιμον ἕξετε θυμόν, ὦ νέοι; οὐδ αἰδεῖσθ ἀμφιπερικτίονας ὧδε λίην μεθιέντες; ἐν εἰρήνηι δὲ δοκεῖτε ἧσθαι, ἀτὰρ πόλεμος γαῖαν ἅπασαν ἔχει.... καί τις ἀποθνήσκων ὕστατ ἀκοντισάτω. τιμῆέν τε γάρ ἐστι καὶ ἀγλαὸν ἀνδρὶ μάχεσθαι γῆς πέρι καὶ παίδων κουριδίης τ ἀλόχου δυσμενέσιν θάνατος δὲ τότ ἔσσεται, ὁππότε κεν δὴ Μοῖραι ἐπικλώσωσ. ἀλλά τις ἰθὺς ἴτω ἔγχος ἀνασχόμενος καὶ ὑπ ἀσπίδος ἄλκιμον ἦτορ ἔλσας, τὸ πρῶτον μειγνυμένου πολέμου. οὐ γάρ κως θάνατόν γε φυγεῖν εἱμαρμένον ἐστὶν ἄνδρ, οὐδ εἰ προγόνων ἦι γένος ἀθανάτων. πολλάκι δηϊοτῆτα φυγὼν καὶ δοῦπον ἀκόντων ἔρχεται, ἐν δ οἴκωι μοῖρα κίχεν θανάτου ἀλλ ὁ μὲν οὐκ ἔμπης δήμωι φίλος οὐδὲ ποθεινός, τὸν δ ὀλίγος στενάχει καὶ μέγας, ἤν τι πάθηι λαῶι γὰρ σύμπαντι πόθος κρατερόφρονος ἀνδρὸς θνήσκοντος, ζώων δ ἄξιος ἡμιθέων Bis wann zecht ihr weiter? Wann werdet ihr Mut fassen, junge Männer? Schämt ihr euch nicht, eure nächsten Nachbarn so schmählich im Stich zu lassen? Euch scheint, dass ihr in Friedenszeit dasitzt, doch Krieg hat das ganze Land im Griff. und im Sterben werfe er zum letzten Mal den Speer. Denn ruhmvoll ist es und glänzend für einen Mann, zu kämpfen um sein Land, seine Kinder und die rechtmässige Gattin, gegen die Feinde. Der Tod kommt jeweils dann, wenn ihn die Moiren verhängen. Auf, es rücke einer auf geradem Weg vor, das Schwert erhoben und das mutige Herz unter dem Schild zusammengezogen, sobald der Krieg ausbricht. Denn das Schicksal gewährt es dem Krieger nicht, dem Tod zu entrinnen, selbst wenn er aus einem Geschlecht mit unsterblichen Vorfahren stammt. Oft, dem Schlachtfeld und dem Kampfgetöse entronnen, kehrt er nach Hause zurück; dann ereilt ihn das Todesgeschick dort. Doch wird dieser vom Volk jedenfalls weder geliebt noch vermisst, während der andere, dem etwas zustösst (= der stirbt), beweint der Geringe und der Grosse. Denn das ganze Volk lechzt nach dem mutigen Mann, selbst tot; hat er

9 Uni FR 9 Vorlesung 20 ὥσπερ γάρ μιν πύργον ἐν ὀφθαλμοῖσιν ὁρῶσιν ἔρδει γὰρ πολλῶν ἄξια μοῦνος ἐών. überlebt, ist er den Helden ebenbürtig. In den Augen des Volkes ist er ein Turm. Vollbracht hat er nämlich allein, was vielen zur Ehre gebührte. Ausser diesem Fragment ist von Callinos so gut wie nichts erhalten. Das Gedicht ist eine Aufforderung an junge Männer, endlich ihre Musse aufzugeben und in den bereits im Land tobenden Krieg einzutreten. Callinos zeichnet junge Männer (v. 2 νέοι), die offenbar dem Symposion frönen (v. 1 κατάκεισθαι darniederliegen ), anstatt die Vaterstadt zu verteidigen. Das Gedicht dürfte sich auf die Invasion der Kimmerier beziehen. Dieses Nomadenvolk, wohl iranischer Herkunft, ist historisch für das 8. und 7. Jh. bezeugt. Nach Strabon 1, 3, 21 drangen sie in Kleinasien ein, als der phrygische König Midas starb, also etwa im ersten Viertel des 7. Jh. ( ). Sie sollen sodann das lydische Reich angegriffen haben (um 665 v. Chr.), doch habe sie Gyges unter Mithilfe von Assurbanipal zurückgeschlagen. Danach findet man die Kimmerier in Kappadokien, von wo aus sie abermals die Lyder angriffen und sich schliesslich 644 v. Chr. der Hauptstadt Sardeis bemächtigten. Auf dieses spezielle Ereignis scheint sich Callinos in seinem Gedicht zu beziehen. Sprachliches Die Sprache des Gedichts ist stark episch gefärbt. Einige wenige Hinweise sollen hier genügen : μέχρις τέο, ἄλκιμον θυμόν (v. 1) haben homerische Parallelen, das pleonastisch anmutende Präpositionalkompositum ἀμφιπερικτίονας (v. 2) ist ebenfalls der epischen Sprache nachempfunden (vgl. Hom. Od. 2, 65 περικτίονας ; zur Verdoppelung des Präfixes, vgl. Hom. Il. 8, 348 Ἕκτωρ δ ἀμφιπεριστρώφα καλλίτριχας ἵππους, ein Hapax). Der Ausdruck wird von Theognis aufgenommen und ebenfalls in den zweiten Teil des Pentameters gesetzt, und zwar in Versen, wo vom Flötenspiel die Rede ist : 1055 ἀλλὰ λόγον μὲν τοῦτον ἐάσομεν, αὐτὰρ ἐμοὶ σύ αὔλει, καὶ Μουσῶν μνησόμεθ ἀμφότεροι. αὗται γὰρ τάδ ἔδωκαν ἔχειν κεχαρισμένα δῶρα σοὶ καὶ ἐμοί, μελέ μεν δ ἀμφιπερικτίοσιν. Lassen wir es bei dieser Rede bewenden; doch du, spiele mir auf der Flöte, und wir beide werden der Musen gedenken. Denn sie verliehen uns diese willkommene Gabe dir und mir, den ringsherum Wohnenden im Sinne zu liegen. Vielleicht ist der Infinitiv μελέμεν (cf. Hom. Od. 18, τὸν ξεῖνον δὲ ἐῶμεν ἐνὶ μεγάροισ Ὀδυσῆος / Τηλεμάχῳ μελέμεν τοῦ γὰρ φίλον ἵκετο δῶμα) nicht zufällig das semantische Gegenteil von Callinos μεθιέντες im Stich lassen (v. 3) ; stärker dürfte jedoch bei Theognis der Anklang an μέλος für diese Wortwahl verantwortlich gewesen sein. Solchen heptasyllabischen Wörtern, die den ganzen zweiten Hemistichos des Pentameters ausfüllen, begegnet man insbesondere auch bei Tyrtaios (4, 6 W. 2 ἀνταπαμειβομένους). Selbst die Sperrung μάχεσθαι δυσμενέσιν findet sich bei Homer vorgezeichnet (Il. 16, οὐδὲ μάχεσθαι / ἐλθὼν δυσμενέεσσιν. ἀνὴρ δ ὤριστος ὄλωλε), und κουριδίης τ ἀλόχου ist eine stehende Wendung (Hom. Il. 1, 114, usw.). Neben wörtlichen Entlehnungen findet man auch inhaltliche Anpassungen, z.b. θάνατος δὲ τότ ἔσσεται, ὁππότε κεν δὴ / Μοῖραι ἐπικλώσωσ entspricht Hom. Il. 18, κῆρα δ ἐγὼ τότε δέξομαι, ὁππότε κεν δὴ / Ζεὺς ἐθέλῃ τελέσαι. Metrische Betrachtungen Was die Metrik betrifft, finden sich 11 syntaktische Einschnitte am Zeilenende, wovon 9 Satzenden darstellen. 10 Mal wird innerhalb der Zeile interpungiert, wobei sich Satzenden und Satzteilenden die Waage halten (5/5). Die trochäische Zäsur herrscht vor, zumal in den beiden ersten Distichen, wo an jener Stelle sogar stark interpungiert wird. Bemerkenswert

10 Uni FR 10 Vorlesung sind weiterhin die Interpunktionen nach dem zweisilbigen Beginn des Pentameters am Schluss von grösseren Einheiten : v. 4 (wo ein Vierzeiler zu Ende geht : das spricht klar zugunsten eines Satzendes [pace Campbell und West], wie auch die Lücke wohl nichts mehr mit diesen ersten vier Zeilen zu tun gehabt haben wird) und v. 11 (wo ein Sechszeiler endet). Gleichzeitig findet dort auch syntaktisches Enjambement statt (d.h. es folgt ein für das Satzverständnis notwendiges Element : δοκεῖτε / ἧσθαι, ὑπ ἀσπίδος ἄλκιμον ἦτορ / ἔλσας). Gerade mit solchen Enjambements werden auch semantische Signale gesetzt, z.b. drückt ἔλσας rhythmisch und inhaltlich das Verharren des Kriegers aus, indem der holodaktylische Hexameter stark verlangsamt wird. Dieses Ineinandergreifen von Inhalt und Rhythmus werden wir im nächsten Paragraphen näher betrachten. Zeilenkommentar v. 1 4 Das Gedicht beginnt mit einer kurzen, rhetorischen Frage, wie sie auch Cicero in seiner Rede gegen Catilina an den Anfang stellt (Cat. 1, 1) : quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Dass es sich trotz der fragmentarischen Überlieferung um den Gedichtbeginn handelt, wir dadurch nahegelegt, dass die allgemein übliche Partikel fehlt. In derselben Zeile folgt dann die nächste, gleich angelegte Frage, wiederum ohne Partikel. Das Zeilenende könnte syntaktisch auch das Satzende bilden, doch geht Callinos darüber hinaus und plaziert seinen Vokativ ὦ νέοι, was eine starke Emphase hervorruft. Diese Emphase liegt auf den Jungen, die an vorderster Front kämpfen sollten (vgl. Adkins, p. 57). Dies scheint ein Topos zu sein, wie der Vergleich mit Tyrtaios nahelegt. Mit dem folgenden οὐδ wird sodann die Schlussilbe von νέοι gekürzt und damit die Satzpause gleichsam aufgelöst. Überhaupt drängt die Zeile unaufhaltsam vorwärts mit den beiden Elisionen, die zweite zudem an der Mittelzäsur. Darauf folgt eines dieser seltenen siebensilbigen Wörter, die den ganzen zweiten Teil des Pentameters einnehmen, wahrscheinlich mit verlangsamendem Effekt. Umso stärker betont wird der nächste Pentameterbeginn (ein ganz daktylisches Element), der wiederum mit Enjambement angereiht wird. Wie schon im ersten Hexameter folgt auch hier ein syntaktisch starker Einschnitt an der trochäischen Zäsur. Und wie im vorausgehenden Pentameter wird auch diesmal die Schlussilbe von ἧσθαι gekürzt, womit die syntaktische Pause wiederum überspielt wird. Interessant ist, dass Callinos im Pentameter jeweils Formen auf -αι oder -οι durch Hiat kürzt (v ), also den i-laut zu einem Halbvokal j umformt. Sehr effektiv gestaltet ist v. 4, wo nach dem Kontrastwort πόλεμος (das auf εἰρήνηι antwortet) die Mitteldihärese folgt und damit eine die Spannung aufs höchste steigernde Pause vorliegt, bevor dann die fatale Feststellung folgt : γαῖαν ἅπασαν ἔχει. Callinos ist der einzige, der zu dieser Personifikation des Krieges greift. Die Unerhörtheit des Ausdrucks legt ebenfalls ein Satzende nahe. v. 5 Dieser Aufruf endet mit einer Lücke, die wohl mehr als einen Vers umfasste, ohne dass man aber genau sagen könnte, wieviele Distiche fehlen. Steinrück (Iambos 103 Anm. 227) erwägt die Möglichkeit, dass 11 Verse fehlen, womit der Text eine exakt zweigeteilte Form hätte, wie dies schon bei Tyrtaios zu beobachten war (doch übersieht er dabei, dass man mit v. 14 zu den Jungen zurückkehrt, s.u.). Mit v. 5 wird dieser erste Abschnitt sodann abgeschlossen : Dem jungen Krieger wird der Opfertod nahegelegt (v. 5 ἀποθνήσκων ὕστατ ἀκοντισάτω). v. 6 9 Es folgt nun ein neuer Teil, der die verheirateten Männern zum Thema hat ; tatsächlich ist jetzt nicht mehr einzig davon die Rede, dass die Männer für das Vaterland kämpfen, sondern auch für ihre Kinder und ihre Ehefrauen. Callinos scheint also dieselbe Dichotomie

11 Uni FR 11 Vorlesung anzuwenden, die wir bei Tyrtaios kennengelernt haben (10, 6). Der neue Abschnitt beginnt mit einem Distichon, der über die Versgrenze hinweg in den nächsten Hexameter reicht, aber dann nach dem ersten Wort sogleich eine Interpunktion (und damit eine Pause) zeigt. Dieser Dativ δυσμενέσιν ist syntaktisch nicht nötig, bringt jedoch einen stark emotionellen Gegensatz zum vorausgehenden Pentameter (um das Land, die Kinder und die rechtliche Ehefrau). Gleichzeitig wird damit auch die Realität des Kampfes heraufbeschworen : Es gibt Feinde, es lauert der Tod, der jedoch vorbestimmt ist (so geht der Hexameter weiter). θάνατος eröffnet nicht nur den Satz (Betonung des Wortes), sondern steht auch δυσμενέσιν unmittelbar gegenüber. Der Hexameter insgesamt ist von drei Zäsuren gekennzeichnet : nach δυσμενέσιν (eigentlich eine Nebenzäsur, hier aber ein Satzende), nach θάνατος δέ (κατὰ τρίτον τροχαῖον) und schliesslich nach ἔσσεται (bukolische Dihärese, abgeschwächt durch die Hiatkürzung = gleitendes Jota). Dieser holodaktylische (!) Hexameter mündet dann in den Pentameter, der genau dieselbe Form aufweist wie jener zuvor : γῆς πέρι καὶ παίδων / Μοῖραι ἐπικλώσωσ. Nur dass hier ein syntaktischer Einschnitt folgt (leich abgeschwächt durch die Elision), bevor dann mit ἀλλά τις ἰθὺς ἴτω die positive Aufmunterung folgt. v Wiederum übergeht Callinos die Distichongrenze, fügt dann erneut einen holodaktylischen Hexameter an und bremst schliesslich dieses Vorwärtspreschen mit dem spondäischen Wort ἔλσας, das den Pentameter eröffnet. Damit wird der entschlossene Widerstand des Kriegers rhythmisch effektvoll untermalt. Mit der Zeitangabe, die als Genetivus absolutus gestaltet ist, gelangt man schliesslich ans Versende, wo endlich Distichon und Syntax zusammenfallen und eine Pause gestatten. v Das Thema Tod ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen : Was in v. 8 mit θάνατος δέ begann, wird hier mit θάνατόν γε (man beachte dieselbe Versstelle) weitergeführt, und zwar (einmal mehr) versübergreifend bis zu ἄνδρ, mit einem unüblichen syntaktische Einschnitt nach der ersten Länge des Pentameters. Die Reliefstellung des Wortes unterstreicht dessen unerwartetes Erscheinen : Der Zuhörer erwartet eigentlich ἄνθρωπον, auch wenn es sich dabei um einen selbst zur Zeit von Callinos bereits etwas abgedroschenen Gemeinplatz handelte. Mit ἄνδρα hingegen wird der Fokus zurück auf die νέοι gelegt, die in der Folge mit Achilleus verglichen werden (v. 13 οὐδ εἰ προγόνων ἦι γένος ἀθανάτων). v West und Adkins behandeln die Verse als Einheit und übersetzen das Partizip φυγών mit das Gemetzel (absichtlich) meiden, als ob es sich um die Beschreibung eines Feiglings handelte. Das scheint mir jedoch zu weit gegriffen, auch wenn in v. 16 davon die Rede ist, dass er weder beim Volk beliebt ist noch vom Volk vermisst wird, während der andere, dem etwas zustösst, von Reich und Arm beklagt wird. Vielmehr scheint mit v. 16 eine neue Idee eingebracht zu werden : Wie die Verse um den Begriff des unabwendbaren Todes kreisen, wird mit v die Idee des Vermissens formuliert (v. 16 ποθεινός / v. 18 πόθος) und zunächst auf den toten Krieger, dann auch in effizienter Antithese (θνήσκοντος und ζώων stehen sich unmittelbar gegenüber, und zwar im ersten Teil des Pentameters) auf den überlebenden gemünzt. Diesem ist schliesslich das letzte erhaltene Distichon gewidmet. v Doch kommen wir noch einmal zurück auf die Verse : Mit ἔρχεται, das wiederum in Reliefstellung zu Beginn des Pentameters steht, wird die Heimkehr ausgedrückt. Tatsächlich ist in der Odyssee ἔρχεσθαι die regelmässige Form des Verbs, das die Heimkehr des Odysseus ausdrückt. Selbst wenn man immer wieder dem Schlachtgetümmel entkommt und nach Hause zurückkehrt, erwartet einen schliesslich dort der Tod (ἐν δ οἴκωι). Man ist dann alt und damit für eine öffentliche Trauerfeier nicht wirklich interessant.

12 Uni FR 12 Vorlesung v Zur Struktur dieser Verse ist zu sagen, dass mit θνήσκοντος ein Enjambement vorliegt und ihm ζώων antithetisch gegenübersteht. Überhaupt sind die verschiedenen Elemente dieser Verse gegensätzlich angeordnet : Dem verseröffnenden λαῶι antwortet κρατερόφρονος ἀνδρός am Versschluss und schliesslich seine Erhebung zum Halbgott (ἡμιθέων) am nächsten Pentameterschluss. Und während das gewöhnliche Volk schaut (ὁρῶσιν, Hexameterschluss), vollbringt der Krieger Taten (ἔρδει, Pentameterbeginn). Er macht dies ganz allein (μοῦνος ἐών), obwohl es vielen gebührte (πολλῶν ἄξια) ; gleichzeitig antwortet μοῦνος ἐών auch auf λαῶι σύμπαντι. Insgesamt entstehen so zwei Vierergruppen (Todesthema / Volk und einzelner Krieger), die ein μὲν-δὲ-distichon umrahmen. Nimmt man das Gedicht als Ganzes und schaut auf die grösseren Einheiten, so lässt sich sagen, dass es mit einem Vierzeiler zu beginnen scheint. Danach kommt die Lücke, über die wir nichts Konkretes aussagen können. Der Neueinsatz mit v. 6 hingegen eröffnet eine Folge von drei Distichen ohne syntaktischen Einschnitt und damit ohne Pause. Daran schliesst sich eine Erklärung zum Motiv des Todes / Sterbens an (γάρ), die genau eine Dekade umfasst und unser Fragment abschliesst (vgl. dazu Faraone, p ). Gegenüber der vorausgehenden, syntaktisch ununterbrochenen Dreiergruppe unterscheidet sich die letzte erhaltene Dekade durch die Interpunktionen, die nunmehr mit den Distichen übereinstimmen. Man beobachtet dort eine Serie von identischen inneren Reimen im ersten, vierten und fünften Pentameter (προγόνων ἀθανάτων / ζώων ἡμιθέων / πολλῶν ἐών), ein Spiel mit der Assonanz der Verse 13 [Pentameter] und 14 [Hexameter] : ἀθανάτων / ἀκόντων), wobei der Hexameter denselben inneren Reim erzeugt wie der Pentameter zuvor (φυγὼν ἀκόντων). Dabei liegt inhaltlich zuerst eine Vierergruppe vor mit dem Thema θάνατος (Anfang und Schluss : v. 12 / 15) ; eine nächste Gruppe ist gekennzeichnet durch ποθεινός (v. 16 / πόθος (v. 18) ; ebenfalls eng miteinander verknüpft sind dann die Verse 19 und 21, wo nicht nur der ων- Reim vorliegt, sondern auch noch ein Echo durch die Repetition des Wortes ἄξιος mit der Endassonanz (ἄξιος ἡμιθέων / ἄξια μοῦνος ἐών) sowie die Kumulierung der Partikel γάρ ( ), die wiederum einhergeht mit der rhythmischen Erscheinung von fünf langen Silben am Versbeginn (Hexameter und Pentameter!). Man kann nun mit Faraone die Verse als zusammenhängende Dekade verstehen, oder aber vielleicht mit 6 11 zu einer Dekade verbinden (vgl. den Endreim πολέμου / θανάτου). Dies hängt klar von der Gewichtung der Argumente ab, bleibt also letztendlich Glaubenssache. Einzig das Prinzip der Dekadenstruktur scheint unumstösslich zu sein. Unser nächstes Beispiel stammt wiederum von Tyrtaios. Tyrtaios, 11 W ἀλλ, Ἡρακλῆος γὰρ ἀνικήτου γένος ἐστέ, θαρσεῖτ οὔπω Ζεὺς αὐχένα λοξὸν ἔχει μηδ ἀνδρῶν πληθὺν δειμαίνετε, μηδὲ φοβεῖσθε, ἰθὺς δ ἐς προμάχους ἀσπίδ ἀνὴρ ἐχέτω, ἐχθρὴν μὲν ψυχὴν θέμενος, θανάτου δὲ μελαίνας κῆρας ὁμῶς αὐγαῖς ἠελίοιο φίλας. ἴστε γὰρ ὡς Ἄρεος πολυδακρύου ἔργ ἀΐδηλα, εὖ δ ὀργὴν ἐδάητ ἀργαλέου πολέμου, καὶ μετὰ φευγόντων τε διωκόντων τ ἐγέ νε σθε ὦ νέοι, ἀμφοτέρων δ ἐς κόρον ἠλάσατε. Auf, die ihr dem unbesiegten Geschlecht des Herakles angehört, fasst Mut! Noch trägt Zeus seinen Kopf nicht gebeugt (= Sklave). Fürchtet die Masse der Feinde nicht, sucht nicht die Flucht, sondern lasst den Krieger seinen Schild gerade der Front halten, das Leben verabscheuend, die schwarzen Todesgöttinnen hingegen freundlich aufnehmend wie die Strahlen der Sonne. Denn ihr wisst, wie entsetzlich die Werke des vielbeweinten Ares sind, kennt bestens die Wut des schrecklichen Kriegs, ihr wart mit den Verfolgten, mit den Verfolgern auch, junge Krieger, und von beidem habt ihr zur Genüge erfahren.

13 Uni FR 13 Vorlesung οἳ μὲν γὰρ τολμῶσι παρ ἀλλήλοισι μένοντες ἔς τ αὐτοσχεδίην καὶ προμάχους ἰέναι, παυρότεροι θνήσκουσι, σαοῦσι δὲ λαὸν ὀπίσσω τρεσσάντων δ ἀνδρῶν πᾶσ ἀπόλωλ ἀρετή. οὐδεὶς ἄν ποτε ταῦτα λέγων ἀνύσειεν ἕκαστα, ὅσσ, ἢν αἰσχρὰ πάθηι, γίνεται ἀνδρὶ κακά ἁρπαλέον γὰρ ὄπισθε μετάφρενόν ἐστι δαΐζειν ἀνδρὸς φεύγοντος δηΐωι ἐν πολέμωι αἰσχρὸς δ ἐστὶ νέκυς κατακείμενος ἐν κονίηισι νῶτον ὄπισθ αἰχμῆι δουρὸς ἐληλάμενος. ἀλλά τις εὖ διαβὰς μενέτω ποσὶν ἀμφοτέροισι στηριχθεὶς ἐπὶ γῆς, χεῖλος ὀδοῦσι δακών, μηρούς τε κνήμας τε κάτω καὶ στέρνα καὶ ὤμους ἀσπίδος εὐρείης γαστρὶ καλυψάμενος δεξιτερῆι δ ἐν χειρὶ τινασσέτω ὄβριμον ἔγχος, κινείτω δὲ λόφον δεινὸν ὑπὲρ κεφαλῆς ἔρδων δ ὄβριμα ἔργα διδασκέσθω πολεμίζειν, μηδ ἐκτὸς βελέων ἑστάτω ἀσπίδ ἔχων. ἀλλά τις ἐγγὺς ἰὼν αὐτοσχεδὸν ἔγχεϊ μακρῶι ἢ ξίφει οὐτάζων δήϊον ἄνδρ ἑλέτω. [ἐρείσας, καὶ πόδα πὰρ ποδὶ θεὶς καὶ ἐπ ἀσπίδος ἀσπίδ ἐν δὲ λόφον τε λόφωι καὶ κυνέην κυνέηι καὶ στέρνον στέρνωι πεπλημένος ἀνδρὶ μαχέσθω, ἢ ξίφεος κώπην ἢ δόρυ μακρὸν ἑλών. ὑμεῖς δ, ὦ γυμνῆτες, ὑπ ἀσπίδος ἄλλοθεν ἄλλος πτώσσοντες μεγάλοις βάλλετε χερμαδίοις δούρασί τε ξεστοῖσιν ἀκοντίζοντες ἐς αὐτούς, τοῖσι πανόπλοισιν πλησίον ἱστάμενοι. Diejenigen, die zusammenbleiben und es wagen, in den Nahkampf mit der vordersten Schlachtreihe zu treten, fallen in kleiner Zahl und retten die Truppen hinter ihnen. Zittern den Kriegern die Knie, ist die ganze Tapferkeit dahin. Niemand ist wohl in der Lage, all dies in Worten aufzuzählen, was an Übeln dem Krieger widerfährt, wenn er schändlich sterben sollte. Verlocckend ist es nämlich, den Rücken eines fliehenden Gegners von hinten zu durchbohren im elenden Krieg. Schändlich ist der Leichnam, der im Staub liegt, den Rücken von hinten getroffen mit der Spitze der Lanze. Also: die Beine breit gespreizt, so soll man verharren, in die Erde gepflanzt beiss auf die Lippen man fest, Schenkel und Beine unten und Brust und Schultern bedeckt mit dem Bauch des breiten Schildes. In der rechten Hand schwinge man den harten Speer, über dem Kopf wehe der gewaltige Helmbusch. Gewaltige Taten vollbringend soll man Kampferfahrung sammeln, nicht ausser Reichweite der Geschosse stelle man sich, man hat ja einen Schild. Also man suche den Nahkampf mit der grossen Lanze oder dem Schwert, verletze den Feind und töte ihn. Fuss gesetzt gegen Fuss, Schild gestützt gegen Schild, Helmbusch im Helmbusch, Helm gegen Helm und Brust gegen Brust gepresst kämpfe man mit dem Feind, den Handgriff des Schwerts oder die lange Lanze fassend. Ihr Leichtbewaffneten, duckt euch von beiden Seiten unter den Schild und schleudert riesige Wurfsteine, lasst eure glatten Speere fliegen (?) gegen sie, aufgestellt nahe den Vollbewaffneten. Metrisch-syntaktische Beobachtungen Es wird schnell klar, dass Tyrtaios wenig Effekte schafft mit der Art, wie er die Sätze in die Distichen einflicht. 27 von 38 Zeilen tragen bei West eine Interpunktion am Ende der Zeile, nur 11 befinden sich innerhalb der Zeile (1, 2, 3, 5, 10, 13, 16 bis, 22, 35 bis). Drei davon befinden sich an der Verszäsur (5, 13, 35), zwei an der Dihärese des Pentameters (16, 22) und eine an der bukolischen Dihärese (3). Die wichtigsten Satz(teil)pausen fallen also auf die versimmanenten Zäsuren, und zwar in einem Mass, das bei weitem jenes von Callinos oder auch Archilochos übertrifft. Gleichzeitig ist Tyrtaios auch der Dichter, der am meisten Spondäen verwendet. Dieser Punkt wird uns noch näher interessieren. Was den Strophenbau betrifft, so sind die Dekadeneinschnitte wiederum klar markiert. Die ersten zehn Verse bringen acht Imperative der zweiten Person Plural, zwei am Versbeginn (v. 2. 6), vier am Versende (v ), und zwei im Versinnern (wovon v. 3). Dazu kommt noch der Imperativ der 3. Person Singular ἐχέτω am Versende (v. 4), der einem Imperativ der zweiten Person Plural ebenbürtig ist. Dieser ganze Passus eröffnet mit der Exhortativ-Partikel ἀλλά und wendet sich an die jungen Spartaner, wie man aber erst am Schluss der Strophe (v. 10 ὦ νέοι) wirklich erfährt. Die Dekade selbst ist in zwei Teile geteilt, die mit ähnlich lautenden Sätzen beginnen : v. 1 denn ihr stammt ja aus Herakles Geschlecht (Ἡρακλῆος γὰρ ἀνικήτου γένος ἐστέ) / v. 7 denn ihr wisst, wie entsetzlich die Werke des vielbeweinten Ares sind (ἴστε γὰρ ὡς Ἄρεος πολυδακρύου ἔργ ἀΐδηλα). Und

14 Uni FR 14 Vorlesung beide Mal wird die Verszäsur mit dem nachfolgenden Adjektiv gleichsam überspielt. Für einmal werden jedoch keine allgemeinen Ratschläge zur Kriegsführung gegeben, sondern Tyrtaios muntert eine Gruppe von spartanischen Soldaten zum Kampf auf, indem er ihnen ihre Abstammung und ihre Kriegserfahrung in Erinnerung ruft. Man beachte nun den Kontrast, den die nächste Strophe bringt : Wie wir schon in Fragment 10 W. 2 gesehen haben, folgt auf die Exhortation eine ethisch-philosophische Betrachtung, eingeführt mit der dafür üblichen Partikel γάρ. Es geht um die moralische Wahl zwischen zwei Alternativen : Kämpfen im Verbund zum Wohl aller oder schändliche Flucht. Nunmehr herrscht die dritte Person Plural vor : Die Ratio Tapferkeit / Feigheit liegt bei 3 / 7. Der zweite Teil bringt auch eine Ringkomposition : auf v. 14 τρεσσάντων δ ἀνδρῶν antwortet v. 18 ἀνδρὸς φεύγοντος. Derselbe v. 18 (2. Teil : δηΐωι ἐν πολέμωι) schlägt im übrigen eine sprachliche Brücke zu v. 8 (2. Teil : ἀργαλέου πολέμου). Danach folgt ein Distichon, das diesen zweiten Teil zusammenfasst. Das Partizip am Schluss von v. 20 ἐληλάμενος ist dabei vom selben Verb geformt wie die finite Verbform in v. 10 ἠλάσατε. Die restlichen Verse nehmen wiederum die hortative Form auf. Es gibt zwei Einheiten, die jeweils mit ἀλλά τις beginnen und sich inhaltlich weitgehend entsprechen. Die erste Einheit besteht aus 8 Versen (v ), die zweite aus 10 (v ). Da mit v ein Distichon vorliegt, das wir schon aus eleg. 10 kennen, ist man versucht, v als unecht auszuscheiden (eine Art Haplographie wegen ἀλλά τις und der inhaltlichen Parallelen), womit auch der dritte Teil eine Dekade darstellte. Doch schauen wir uns diese beiden Einheiten näher an. v sind gekennzeichnet durch eine Vierzeiler mit einem Imperativ der dritten Person Singular und vier Partizipien : Widerstand (μενέτω), gespreizte Beine, fest auf dem Boden verankert (διαβάς, στηριχθείς), festgebissen (δακών), im Schutz des manndeckenden Schildes (καλυψάμενος). Dieses statische Bild wird ergänzt von Bewegung, ausgedrückt im nächsten Distichon mit zwei Imperativen der dritten Person Singular : Waffenschwingen und Helmbuschbewegen (τινασσέτω, κινείτω). Um die nötige Kampferfahrung zu sammeln, soll man sich in Reichweite des Feindes begeben, zumal der Schild schliesslich den nötigen Schutz bietet (διδασκέσθω, ἑστάτω, ἔχων). v Die folgende Dekade setzt mit dem Nahkampf ein (ausgedrückt durch zwei Adverbien : ἐγγύς, αὐτοσχεδὸν [vgl. v. 12] und dem Partizip ἰών), der zum Tod des Feindes führen soll (οὐτάζων ἑλέτω). Es folgt eine zwei Distichen umfassende Beschreibung, wie die massierte Phalanx aussehen soll (immer noch mit dem Imperativ der dritten Person Singular : μαχέσθω ; voraus gehen drei Partizipien : θεὶς, ἐρείσας [im selben Vers!] und πεπλημένος [vor dem Hauptverb]) ; bei dieser sprachlichen Akrobatie liegt homerische Reminiszenz vor (Il. 13, ) : οἳ γὰρ ἄριστοι κρινθέντες Τρῶάς τε καὶ Ἕκτορα δῖον ἔμιμνον, φράξαντες δόρυ δουρί, σάκος σάκεϊ προθελύμνῳ ἀσπὶς ἄρ ἀσπίδ ἔρειδε, κόρυς κόρυν, ἀνέρα δ ἀνήρ ψαῦον δ ἱππόκομοι κόρυθες λαμπροῖσι φάλοισι νευόντων, ὡς πυκνοὶ ἐφέστασαν ἀλλήλοισιν ἔγχεα δ ἐπτύσσοντο θρασειάων ἀπὸ χειρῶν σειόμεν οἳ δ ἰθὺς φρόνεον, μέμασαν δὲ μάχεσθαι. Denn der Achaier Edelste harrten der Troer gefaßt, und des göttlichen Hektors: Lanz' an Lanz' eindrängend, Schild mit Schild aufeinander, Schild an Schild gelehnt, an Helm Helm, Krieger an Krieger; die umflatterten Helme der Nickenden rührten geengt sich mit hellschimmernden Zacken: so dichtvereint war die Heer- Aber die Speer', unruhig in mutigen Händen bewegt, [schar; zitterten; entschlossen waren sie, entbrannten von Kampfgier. v Die letzten vier Verse wenden sich nunmehr in direkter Rede an die jungen Krieger, diesmal aber an eine bisher nicht einbezogene Gruppe : die Leichtbewaffneten. Es liegt also

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